Milder Mai

Milder Mai

I.

In der weißen Marmorwanne
wartet schon ein warmes Bad:
So steht weiche Luft im Marktplatz,
füllt ihn bis zur feinsten Naht,

nimmt die Jacken von den Schultern,
von den Gliedern das Gewicht,
taucht das graue Reich des Nordens
in ein weingetöntes Licht.

II.

Lavender with fresh and wilted blossom, next to pale-golden grass.Wieder wuchert der Lavendel
halbwegs übern Gartenpfad,
birgt in prallen grünen Stengeln
seine süße lila Saat,

säumt die amethystnen Rispen
noch mit Lapislazuli,
jubiliert mit frischer Stimme
in der Sechsten Symphonie!

III.

Little tree with bright-blue blossom, next to pink and blue flowers.Wieder naht die Sonnenwende,
milder, üppiger denn je;
niemals tat so wohl das Leben,
niemals tat es mir so weh.

Selbst die losen Rosenblätter
leuchten wie ein Wolkensaum…
Und ich pflanze unter Tränen
einen himmelblauen Baum.

Christina Egan © 2014


I was thinking of sunlight like golden wine, but it might also a dusk like rosé…

The blue-blossoming tree is a ceanothus; the Sixth Symphony is Beethoven’s Pastoral.

Lavender; ceanothus. Photographs:  Christina Egan © 2016 /© 2017.

 

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Zauberspruch zur Winterverbrennung

Zauberspruch zur Winterverbrennung

Lohende Flammen, lohende Glut,
schmelzet den Schnee uns, schmelzet den Frost!
Knisternde Äste, knisterndes Holz,
brechet den Bann uns, brechet das Eis!

Christina Egan © 2016

Ancient manuscript (9th/10th c. AD) in neatly written Old High German.

 

These lines were inspired by two things: the German custom of gathering round huge bonfires to drive the winter out; and those few pagan spells in ancient German which have come down to us.

The sound of the hissing flames and the crackling branches is captured in the verse. The power of winter is interpreted as a spell, an ordeal of darkness and cold, which this spell, the chant or prayer of man, can break.

 

The only pagan spells in Old High German, probably written down in Fulda monastery in the 9th or 10th century AD. – Photograph: Public domain, via Wikimedia Commons.

Hollow Oak / feuerrad

Hollow Oak

Two round brooches with circular ornaments in gold and garnet, also glass and shell.Under the circle of branches,
under the tent of the tree,
inside the ring of the brambles,
sit on the roots with me!

Sit on the roots emerging
under the perfect round,
crouch by the tree-trunk surging
hollow from hallowed ground.

Under the circle of oak-leaves,
under the tent of the sky,
blue like the lakes in the valley,
come and sit closer by.

Very bright painting of the earth and universe in concentric circles on a golden background.Sheltered by tangled brambles,
held by the hollow oak,
tingled by ancient prayers,
kiss me and kindle hope!

Christina Egan © 2018

(Epping Forest, Essex)

 

feuerrad

das eichenlaub vergeht in goldesglanz
als sich das feuerrad der sonne senkt
die eiche hebt die wurzeln wie zum tanz
indes sie ihre hundert äste schwenkt

der eichenstamm rotiert als starke nabe
in jenem reigen zwischen tag und nacht
sein hohlraum bildet eine honigwabe
vom drachenzahn des brombeerstrauchs bewacht

die eiche streckt sich stolz am waldessaum
der sich zum wasserreichen tale neigt
wie gold und kupfer loht der alte baum
der tagstern sinkt das mondrund aber steigt

Christina Egan © 2018

(Epping Forest, Essex)


Illustrations: Anglo-Saxon disc brooches. Author: BabelStone [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons. — 12th century depiction of the world, illustrating a work by 11th century author Hildegard of Bingen.

Burgberg

Burgberg

I.

Aus dem Nebel tauchen Mauern, scharlachumrankt –
ein Hauch auf der Haut, ein Traum gegen Morgen.

Der Burgberg, ein Eswareinmal,
das sich eine Auferstehung ertrotzt.

Deine Stimme, eine schwingende Brücke,
golden und lockend und unbetretbar.

Dein Gesicht, von den Jahren klarer geschnitzt,
das ich lesen will, lange, wie deine Stadt –

II.

Und wieder Laubhaufen, knöchelhoch, kniehoch,
Nebelschwaden, als wanderte man durch Wolken.

Dem ungreifbaren Weiß enttaucht ein Spitzbogen,
ein Tor: Es führt nirgendwohin.

Der neben einem geht, mit einem redet,
bleibt schemenhaft. Vielleicht ist er ein Traum.

Und wieder November. Dreißig Sommer
entblätterten sich in den Wind, in den Wind.

Christina Egan © 2001 (I) / 2017 (II)

Schimmernder Streif

Schimmernder Streif

Ich weiß noch den Teich
zwischen Wiese und Wald,
offnem Meere und Land,
zwischen Süße und Salz,
wo die Dämmerung lang
und unsagbar weich
in den Baumwipfeln hing,
auf dem Wasser verging…

Jener silberne Teich
gleicht dem schimmernden Streif
der Musik, jenem Reich
zwischen Stille und Wort,
Empfindung und Ding,
zwischen Jenseits und Welt,
jenem Raum, der vergeht
und aufs neue ersteht…

Für Anton Bruckner

Christina Egan © 2017

This poem, like others in German and English, was inspired by one of the greatest landscapes I have seen: the strip of land called The Darß (Darss) in the south of the Baltic Sea.

The first stanza can be read as an impression of nature independently of the second, which compares it to Bruckner’s music, or indeed any music. Bruckner, in turn, is one of the greatest composers I know!

Fluchtlinien

Fluchtlinien

Ich bin relativ normal.

Ich trage normal verrückte Klamotten
und subventionierte Brillengestelle.
Ich prüfe mit Mühe die Reife der Avocados
und wehre mich nicht gegen Rostbratwurst.

Ich steige beinahe rechtzeitig in den Bus
und steige am richtigen Bahnhof um.
Ich sitze am Bildschirm und tippe.
Ich gieße die Dickblattgewächse im Büro.

Ich kaufe die richtigen Zeitungen
und entsorge sie ordnungsgemäß.
Ich gehe auf die richtigen Demos
und brülle ein bißchen herum.

Ich rede von Konflikt und Diskurs
und folge den Regeln der Republik.
Ich sitze am Bildschirm und tippe.
Ich gieße die Dickblattgewächse im Büro.

Ich buche das Zimmer mit Seeblick
und Reiserücktrittsversicherung,
ich recherchiere die Sonnencreme
und die regionale Sozialgeschichte.

Ich wirke normal; es gibt Zeugen.

Und die ganze Zeit, die ganze lange Zeit
lebe ich entlang der unsichtbaren Linien
auf den Fluchtpunkt deiner Gestalt,
deines Lächelns, deiner Lippen.

Als käme darauf alles an.

Ich renne den Strand entlang,
wild wie der Wellenschlag,
ich werfe deinen Namen in den Wind
mit den Schreien der Möwen.

Aber nur, wenn mich niemand hört.

Ich schreibe Verse über Sommerwolken
und Schwäne zwischen den Wellenkämmen
und Orgelklänge und Engel vielleicht
und dann noch ein paar Obdachlose.

Aber eigentlich suche ich nur dich.

Christina Egan © 2018

White sandy beach, deep blue water and sky; German beach chairs in the foreground; two swans in the surf.

The first part of the poem is a portrait of normal and politically correct behaviour: healthy diet, regular work, keeping pot-plants, recycling waste, joining in demonstrations, and so forth.

Woman standing on sandy beach, in a blue-and-white striped dress, with a heart motif on her chest.The second part reveals the inner world of the same ordinary citizen, passionate and unreasonable: secretly in love with someone far away… and writing verse about clouds and swans.

The title has a double meaning: ‘vanishing lines’ and ‘flight lines’, as in ‘escape routes’.


Beach of Świnoujście (Swinemünde) on the Baltic Sea, complete with the hooded beach chairs typical of Germany and the swans which live in the estuary. – Photographs: Christina Egan © 2017.

Oasis (Marrakesh)

Oasis
(Marrakesh)

All these proud palm-trees,
a thousand and one, now bow
before your beauty.

*

A road of roses,
an avenue fit for a king –
just right for you.

*

Desert dust reaches
for your ankles of marble,
envied by my hands.

*

Christina Egan © 2016


Orange tree full of fruit and rose tree with large roses in front of high pink wallsThis is actually a set of winter poems: Morocco in midwinter is like northern Europe in midsummer! Marrakesh welcomes you with warm sunshine, thousands of palm-trees and tens of thousands of roses in all colours… Around the city, wherever the ancient irrigation system does not reach, the land stretches dry and dusty.

Photograph: Orange-trees and rose-trees within the rose-coloured walls of Marrakesh. Christina Egan © 2012