Hollow Oak / feuerrad

Hollow Oak

Two round brooches with circular ornaments in gold and garnet, also glass and shell.Under the circle of branches,
under the tent of the tree,
inside the ring of the brambles,
sit on the roots with me!

Sit on the roots emerging
under the perfect round,
crouch by the tree-trunk surging
hollow from hallowed ground.

Under the circle of oak-leaves,
under the tent of the sky,
blue like the lakes in the valley,
come and sit closer by.

Very bright painting of the earth and universe in concentric circles on a golden background.Sheltered by tangled brambles,
held by the hollow oak,
tingled by ancient prayers,
kiss me and kindle hope!

Christina Egan © 2018

(Epping Forest, Essex)

 

feuerrad

das eichenlaub vergeht in goldesglanz
als sich das feuerrad der sonne senkt
die eiche hebt die wurzeln wie zum tanz
indes sie ihre hundert äste schwenkt

der eichenstamm rotiert als starke nabe
in jenem reigen zwischen tag und nacht
sein hohlraum bildet eine honigwabe
vom drachenzahn des brombeerstrauchs bewacht

die eiche streckt sich stolz am waldessaum
der sich zum wasserreichen tale neigt
wie gold und kupfer loht der alte baum
der tagstern sinkt das mondrund aber steigt

Christina Egan © 2018

(Epping Forest, Essex)


Illustrations: Anglo-Saxon disc brooches. Author: BabelStone [CC BY-SA 3.0], from Wikimedia Commons. — 12th century depiction of the world, illustrating a work by 11th century author Hildegard of Bingen.

Burgberg

Burgberg

I.

Aus dem Nebel tauchen Mauern, scharlachumrankt –
ein Hauch auf der Haut, ein Traum gegen Morgen.

Der Burgberg, ein Eswareinmal,
das sich eine Auferstehung ertrotzt.

Deine Stimme, eine schwingende Brücke,
golden und lockend und unbetretbar.

Dein Gesicht, von den Jahren klarer geschnitzt,
das ich lesen will, lange, wie deine Stadt –

II.

Und wieder Laubhaufen, knöchelhoch, kniehoch,
Nebelschwaden, als wanderte man durch Wolken.

Dem ungreifbaren Weiß enttaucht ein Spitzbogen,
ein Tor: Es führt nirgendwohin.

Der neben einem geht, mit einem redet,
bleibt schemenhaft. Vielleicht ist er ein Traum.

Und wieder November. Dreißig Sommer
entblätterten sich in den Wind, in den Wind.

Christina Egan © 2001 (I) / 2017 (II)

Schimmernder Streif

Schimmernder Streif

Ich weiß noch den Teich
zwischen Wiese und Wald,
offnem Meere und Land,
zwischen Süße und Salz,
wo die Dämmerung lang
und unsagbar weich
in den Baumwipfeln hing,
auf dem Wasser verging…

Jener silberne Teich
gleicht dem schimmernden Streif
der Musik, jenem Reich
zwischen Stille und Wort,
Empfindung und Ding,
zwischen Jenseits und Welt,
jenem Raum, der vergeht
und aufs neue ersteht…

Für Anton Bruckner

Christina Egan © 2017

This poem, like others in German and English, was inspired by one of the greatest landscapes I have seen: the strip of land called The Darß (Darss) in the south of the Baltic Sea.

The first stanza can be read as an impression of nature independently of the second, which compares it to Bruckner’s music, or indeed any music. Bruckner, in turn, is one of the greatest composers I know!

Fluchtlinien

Fluchtlinien

Ich bin relativ normal.

Ich trage normal verrückte Klamotten
und subventionierte Brillengestelle.
Ich prüfe mit Mühe die Reife der Avocados
und wehre mich nicht gegen Rostbratwurst.

Ich steige beinahe rechtzeitig in den Bus
und steige am richtigen Bahnhof um.
Ich sitze am Bildschirm und tippe.
Ich gieße die Dickblattgewächse im Büro.

Ich kaufe die richtigen Zeitungen
und entsorge sie ordnungsgemäß.
Ich gehe auf die richtigen Demos
und brülle ein bißchen herum.

Ich rede von Konflikt und Diskurs
und folge den Regeln der Republik.
Ich sitze am Bildschirm und tippe.
Ich gieße die Dickblattgewächse im Büro.

Ich buche das Zimmer mit Seeblick
und Reiserücktrittsversicherung,
ich recherchiere die Sonnencreme
und die regionale Sozialgeschichte.

Ich wirke normal; es gibt Zeugen.

Und die ganze Zeit, die ganze lange Zeit
lebe ich entlang der unsichtbaren Linien
auf den Fluchtpunkt deiner Gestalt,
deines Lächelns, deiner Lippen.

Als käme darauf alles an.

Ich renne den Strand entlang,
wild wie der Wellenschlag,
ich werfe deinen Namen in den Wind
mit den Schreien der Möwen.

Aber nur, wenn mich niemand hört.

Ich schreibe Verse über Sommerwolken
und Schwäne zwischen den Wellenkämmen
und Orgelklänge und Engel vielleicht
und dann noch ein paar Obdachlose.

Aber eigentlich suche ich nur dich.

Christina Egan © 2018

White sandy beach, deep blue water and sky; German beach chairs in the foreground; two swans in the surf.

The first part of the poem is a portrait of normal and politically correct behaviour: healthy diet, regular work, keeping pot-plants, recycling waste, joining in demonstrations, and so forth.

Woman standing on sandy beach, in a blue-and-white striped dress, with a heart motif on her chest.The second part reveals the inner world of the same ordinary citizen, passionate and unreasonable: secretly in love with someone far away… and writing verse about clouds and swans.

The title has a double meaning: ‘vanishing lines’ and ‘flight lines’, as in ‘escape routes’.


Beach of Świnoujście (Swinemünde) on the Baltic Sea, complete with the hooded beach chairs typical of Germany and the swans which live in the estuary. – Photographs: Christina Egan © 2017.

Oasis (Marrakesh)

Oasis
(Marrakesh)

All these proud palm-trees,
a thousand and one, now bow
before your beauty.

*

A road of roses,
an avenue fit for a king –
just right for you.

*

Desert dust reaches
for your ankles of marble,
envied by my hands.

*

Christina Egan © 2016


Orange tree full of fruit and rose tree with large roses in front of high pink wallsThis is actually a set of winter poems: Morocco in midwinter is like northern Europe in midsummer! Marrakesh welcomes you with warm sunshine, thousands of palm-trees and tens of thousands of roses in all colours… Around the city, wherever the ancient irrigation system does not reach, the land stretches dry and dusty.

Photograph: Orange-trees and rose-trees within the rose-coloured walls of Marrakesh. Christina Egan © 2012

Die blauen Fernen

Die blauen Fernen

Fernab der Meere und der mächtgen Ströme
liegt meine Hügelheimat hingebreitet;
mit jeder Wendung, Steigung, die ich nehme,
wird mir der Blick auf neue Höhn geweitet.

Was braucht es Meere, wenn uns Wald und Wiesen
und Feld und Felsen und die blauen Fernen
wie Wellenberge, Wellentäler fließen,
den Schritt beflügeln und das Herz erwärmen?

Die Luft ist rein, mit Duft und Kraft geladen,
die Glieder und den Geist mir zu verjüngen;
und winters werden Schnee und Nebelschwaden
des Eismeers Zauber in die Berge bringen.

Christina Egan © 2016


One stanza of this poem is printed in the Rhönkalender 2018 with a photo from that part of the Central German Highlands; the whole poem has been published in the Münsterschwarzacher Bildkalender 2019.

Der Erde Auge / Dragon Island

Der Erde Auge
(Kaali, Estland)

Hier ist der Wald nur Wimpernkranz
um jadegrünen Augenglanz,
der immer träumt
und immer wacht,
der nimmer weint
und nimmer lacht.

Der Erde Auge schaut hinauf
in tausendfachen Sternenlauf:
Ein schwarzer Stein
mit Feuerschweif
schlug donnernd ein
und schuf den Teich.

Und um den runden Kraterrand
gehn hundert Menschen still gebannt:,
Sie schlendern her
zu eitlem Schaun
und schreiten schwer
in grünem Traum.

Berührt vom fernen Sternenschlag
sind tausend Jahre wie ein Tag.
Die Sonne fülllt
das Himmelsrund,
und urgrün quillt
der Augengrund.

Christina Egan © 2016


Dragon Isle
(Iceland)

Dark is the mid-morning sky,
shaded the treeless land,
granite the road of the sea,
burnt the abandoned strand.

Dragons looming like hills
have stirred from a century’s daze
to spew some sparks and some ash
before they set glaciers ablaze.

Christina Egan © 2010


The first poem, ‘The Earth’s Eye’ describes a startlingly green and perfectly circular lake in Estonia — a timeless, mythical place, caused by a meteorite crashing several thousand years ago, but within human memory.

The second poem was inspired by the news of a volcanic eruption on Iceland. Mythical creatures take on real life: not that hills look like dragons, no, dragons disguise themselves as hills…

I have also written a sonnet about the twin crater lakes of Sete Cidades (Azores). and a number of poems about the volcanoes of Lanzarote (Canaries).