Aprilabend

Aprilabend
(Schloss Fasanerie bei Fulda)

Der Tag ist hoch; das Licht liegt leicht und lange
auf Moos und Gras und neugebornem Laub,
das jetzt in namenlosem Lebensdrange
fast fühlbar vorwärtsdrängt und blind vertraut.

Das Tal ist weit; die fernen Kuppen ragen
schon wieder kühn und unbeirrbar blau.
Zuletzt sind Schnee und Nebel doch begraben
und alle Linien farbig und genau.

Christina Egan © 2012


 

This impression of a spring evening with its unstoppable urge to live has been published in a previous edition of the Rhönkalender.

The view goes from Schloss Fasanerie (Eichenzell near Fulda, Germany) across the wide valleys towards the Rhön Mountains. You have to have lived in a northern country and suffered through the snow and fog to appreciate the rebirth of light and colour, grass and leaves!

An automatic translation can render most of the meaning, but not the music of the words, which emulates the beauty of nature.

Persephone (die quellenden blüten)

Persephone

die quellenden blüten
Bundle of mauve crocusses, seen fro mthe side, transparent in the sunlight.die rollenden wolken
wie flüchtige schrift –
die dürstenden blätter
der perlende regen
das spielende licht –

der sprühende frühling
das leuchtende lächeln
gesicht zu gesicht –
die atmende erde –
das leben – das leben –
und dann das gedicht –

Christina Egan © 2015

Here is this fortnight’s poem in the
photo calendar
Rhönkalender 2017!

Photograph: Christina Egan © 2017.

Die Störche entflohen dem Norden

Die Störche entflohen dem Norden

Die Störche entflohen dem Norden,
Und nie mehr ziehn sie zurück:
Mir ist mein Kindlein gestorben,
Und nie mehr find ich mein Glück.

Mein einziges Kind ist gestorben,
Und niemand hat es bemerkt –
Denn niemals sah es den Morgen,
Und niemand hat mich gestärkt.Two storks in a nest, standing very close together, surmounted by a triangular tree and a steep roof, in the dusk.

Mein Lächeln muß ich mir borgen,
Wenn Frühjahr die Täler doch färbt:
Mir ist es, als wär ich gestorben,
Und niemand hätt’ mich beerbt.

Mir ist es, als wär’ ich im Norden,
Auf Nebelinseln, daheim:
Der Sommer hatt’ mich umworben
Und ließ mich dann achtlos allein.

Die Störche sind immer geborgen
In Kreisen von Sonne und Wind…
Doch ich erwache in Sorgen:
Mir lachte im Traume das Kind.

Christina Egan © 2013

Nest with two storks in North African city with crumbling walls and palm trees.

This is the story of a woman who lost her only child before birth or at birth, or who never had one at all and will never have one.

This poem sounds like a folksong and could be set to music.It may also work well in a translation software.

 

Photographs: Wyk on Föhr, Germany / Marrakesh, Morocco. Christina Egan © 2014/2012.

Geflecht / Geflechte

Geflecht

Jedes Leben ist verstrickt,
Masche um Masche, Stich um Stich,
in die Leben neben ihm,
ob wir’s wollen oder nicht.

Jede Reihe ist verschlungen,
ohne daß das Garn je bricht,
in das vorige Geflecht,
ob wir’s wissen oder nicht.

Jeder Jahrgang ist der Boden
für die nächste bunte Schicht:
Kaum geboren, sind wir Ahnen
für ein künftiges Geschlecht.

Christina Egan © 2015

Silk cloth dominated by vivid pinks and greens.

Geflechte
(Altstadt von Köln)

Reihen auf Reihen von Häusern,
hell und freundlich im Frühlingslicht,
Reihen auf Reihen von Fenstern,
schimmernd in allen Augenfarben.

Und hinter einem jeden Fenster
Gesichter… Geschichten… Geflechte.
Und unter einem jeden Pflaster
Pflaster… Pfade… Schwellen.

Stockwerk um Stockwerk von Leben,
hinauf ins ausgelassene Blau!
Schicht um Schicht von Geschichte
bis in den unbetretenen Staub.

Ich strecke mich hin auf dem Mäuerchen hier
und höre die Vögel und höre ein Herz –
Das Herz diese Platzes? Das Herz dieser Stadt?
Mein eigenes Herz, wie es schlägt für die Stadt?

Christina Egan © 2016


These poems describe human life as a knitted or woven tissue: every person is a mesh amongst, above, and below others. Every little life is part of a layer of history, as every modest buidling and ordinary street is.

Every life is interwoven with  others. Every single one of us is history!

I wrote the second poem on the way back from Cologne, where I had briefly rested on a little wall, which turned out to be in the area of the ancient forum and which in hindsight reminded me of excavated foundations.

For a poem on weaving words into a poem, see the previous post, Word Weaver.

Photograph: Silk cloth from Madagascar. – © The Trustees of the British Museum

Tretet sachte / inselwärts

Tretet sachte

Rows of headstones, weathered, covered in lichen, tilted, sunlit

Heerscharen von Grabsteinen,
polierte und verwitterte;
Siedlungen von Ruhestätten,
begrünte und verwilderte;
Geschlechter von Toten,
bekränzte, unbesungene
und unbekannte auch.

O tausend Häuser von Träumen –
und jeder gescheitert zuletzt.

Edge of tomb, with weeds outside and inside

Und dazwischen verstreut
das ungeheure Volk
der Niegeborenen,
der Niegesehenen,
der Niegerufenen,
namenloser als namenlos
und ohne Granit zum Gedenken.

Tretet sachte im Grase,
das feucht ist von lautlosen Tränen.

Christina Egan © 2014

Pond in park, surrounded by bare trees, with tiny island

inselwärts

wenn nieselregen bach und teich benetzt
und warmer wind die blütenrispen regt
betrete ich das gräberfeld zuletzt
wo kein granitstein deinen namen trägt

vom gittertor das grünen frieden wahrt
bis an den wüstenroten obelisk
such ich geheime initialen zart
auf grauer buchenrinde eingeritzt

in goldnen rosen ahn ich dein gesicht
dein lächeln in dem bächlein das erblitzt
und deine stimme wenn die amsel spricht
die sonne flutet – o wo bist du jetzt?

o niemand weiß von dir und niemand sieht
ein spitzes schwert hängt über meinem herz
ich breche eine rose die verblüht
und werf sie in die binsen inselwärts

Christina Egan © 2014

Photographs: Christina Egan © 2013/2014

Schöpfung (Darß)

Schöpfung
(Darß)

I.

schwebend zwischen ungeheuern
wassern und verwunschnen teichen
will die erde sich erneuern
wälder zeugen dünen häufen

II.

wird die see den see erwählen
kraft die ruhe salz die süße
muß sich blau dem grau vermählen
daß es ineinanderfließe

III.

wie die schaumgekrönte göttin
einst dem wilden meer entstieg
so dem bloßen sand die blüte
und dem wüsten schmerz das lied

Christina Egan © 2015


On the Darß (Darss), you can observe ‘Creation’ at work:
between ocean and ponds, between dunes and woods.

The last poem describes the ‘Creation’ of art as another
natural, elemental, process: beauty born out of pain.

You can read an English poem about the Darss at
Midsummernight Far North.

Parallel English and German poems about a similar
phenomenon on the German North Sea coast are at
Views of North Sea Islands.

Green Blood

The plant on the window-sill

Lush Christmas cactus on window sill, appearing to reach out to the viewer, with little cacti around.

It is shining, it is glowing,
while the sun is rising high!
It is stretching, it is growing,
so am I, oh, so am I!

It is breathing, it is throbbing,
full of blossom, full of birth!
It is floating, it is bobbing
on the bubble of the earth!

Christina Egan © 2015


Fist-sized cactus with large star-like flower on long firm stalk. Palm-tree shaped red plant in background mirroring the flower's shape; white rose petals on ground mirroring its colour.Die Macht der Königin der Nacht

In der Mittsommermitternacht
ist ein schneeweißer Stern mir erwacht,
eine bebende Blütenblattüte:
Mit heimlicher Königsmacht
hat ein Kaktus den Funken entfacht,
eine klare Trompetenblüte!

Christina Egan © 2013

 


The Tree at the Corner

Shiny reddish bark, paper-thin and frayed, on a straight round tree-trunk.I gather air and light,
I filter drop on drop,
till there is liquid life:
my waving hands’ green blood.

I give you air and shade
with my bright canopy,
till there is solid gold
through age-old alchemy!

Christina Egan © 2015


 

Was der Baum im Winter tut

Bare branches against sunset in mauve and apricot; high mountains along horizon.Mit tausend nackten Zweigen hält der Baum
gleich einem gläsernen gewölbten Kelch
die Gänserufe und den Amselsang,
das gleißend hingegossne letzte Gold
und dann das Pfauenblau der frühen Nacht…
Und jene Stille wie ein Geigenklang.

Christina Egan © 2013

Photographs: Christina Egan © 2013/2014/2016


These lines portray plants as living creatures and active participants in this universe.

The non-descript pot-plant stays in its place, yet it gives and takes, grows and procreates — and presumably enjoys life, particularly in spring.

Around summer solstice, the humble cactus suddenly pushes out an unlikely flower, shaped like a trumpet and dazzling like a star: it has revealed itself as a Queen of the Night!

The everyday tree turns the inanimate elements into living matter; and it brings forth beauty even while that life turns towards death again in autumn.

Around winter solstice, the bare tree perceives the beauty of this earth — sunset and dusk, birdsong and silence — or at least, it forms part of this array for us.