Haltbare Rose

Haltbare Rose

Wenn ich mit einer Rose um dich würbe,
gewölbt, gefüllt, gedrängt und überfließend,
mit ihrer Gegenwart den Raum versüßend,
so wüßte ich, daß sie im Nu dir stürbe.
Und wenn ihr eine Faserblume gliche,
burgunderrot und makellos gewoben,
so wäre sie zwei Jahre todenthoben
und höchstens drei, bevor sie ganz verbliche.
Und wenn ich eine Bronzeblume fände,
so wäre doch ein Feuersturm ihr Ende,
in dem ihr unverrückter Glanz verglühe.
Ich schicke dir statt aller dieser Rosen
nur dies Gedicht, das deine Lippen kosen,
auf daß es bis zum Jüngsten Tage blühe.

Christina Egan © 2016

Advert reading "Long lasting flowers: Infinity Roses: 2-3 Jahre haltbar".This sonnet was inspired by an advertisement in a shop window: ‘Infinity Roses’, guaranteed to last two to three years. I found this hilarious: most love stories, which one naturally believes to be forever, last at most that long. Then they get cast away just like an artificial rose.

My idea was that a real flower lasts only a few days; an imitation of fabric or plastic (the German word leaves the material open) lasts only a few years; and even a sculpture of bronze might perish in a fire one day. A poem, however, may outlive them all! (The question whether the love will outlive them all remains.) Instead of kissing the poet, the beloved one turns the lines of the poem over on his or her lips. Well, that’s something at least…


Noch immer blühend

Ich lieb’ dich insgeheim schon seit drei Jahren,
was eine ungeheure Leistung ist –
von dir, der du noch immer blühend bist!
Ich bin berückt, und niemand darf’s erfahren.
Man will ja auch nichts Falsches offenbaren:
Ich liebe dich schon seit drei Jahren halb,
das macht dann immerhinque anderthalb.
Man muß zuweilen mit der Neigung sparen.
Wir sind sogar persönlich schon bekannt.
Zählst du wohl auch…? Drei Stunden insgesamt!
Drei Meter nur, dann einen Meter fort –––
Ich schicke, Liebster, dir zum Unterpfand
Nur eine rote Rose durch das Land:
Schau auf, steh auf und küß mich ohne Wort.

Christina Egan © 2017


This sonnet takes up the thought of Haltbare Rose in a satirical fashion: The woman has been in love with the man for three years already – but only half, which she counts as one-and-a half years!

Photograph: Shop window in Berlin. Christina Egan © 2016.

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Alles drängt vorwärts

Alles drängt vorwärts

*

Fahrzeug um Fahrzeug,
bunte Menschen, Hunderte,
alles drängt vorwärts.
Durch das Adernetz der Stadt
rollt das Leben, das Sterben.

*

Kein einziger Stern,
bloß Wolken, Nebel und Staub
über den Dächern.
Doch Funken stieben, golden
und rot, über die Kreuzung.

*

Christina Egan © 2015/ © 2017

Busy junction in the dusk, with red and yellow lamps of cars and buses glaring.

These tanka were written in Bloomsbury, London,
one in summer and one in winter, one bright light
and one in dim light;  but the seasons and hours
make less difference in London than elsewhere…
For similar poems in English, go to Ripples of People.

Photograph: Deptford Broadway, London.
Michael Oakes © 2016

The Green Dress / Im grasgrünen Kleid

The Green Dress

This green, this green! The purest of greens,
the softest of silk, the smoothest of greens!
It’s mellow and creamy –
and glossy and hard –
it’s distant and dreamy –
and sudden and sharp –
It’s got all the earth in it, fields in full plume,
the glow of the sun and the snow of the moon!
There’s birch in it, ivy –
there’s lemon and lime –
and oceans and icebergs –
and olives and pine –
And the lady beneath the shimmering screen
bears the soul of the earth in the secret of green!
In the gold of her hair
and the blue of her eyes,
in the lines of her limbs
and the flow of her voice
there’s the glow of the sun and the snow of the moon:
a creature of night and a creature of noon.

Christina Egan © 2009


Im grasgrünen Kleid

Ich stehe am Fenster und schaue hinaus,
und niemand bemerkt mein bescheidenes Haus,
und niemand bemerkt mein grasgrünes Kleid,
und niemand bedauert mein aschgraues Leid.

Die Dämmerung wogt, und es rauscht der Verkehr.
Ich stehe und schaue. Und niemand schaut her.
Zuletzt ist es still, und es rauscht nur die Zeit.
Ich weine allein in mein grasgrünes Kleid.

Und einst werd ich fort sein und einst sogar tot,
und nur dieses Liedlein bezeugt meine Not:
Mein Kleid wie der Sommer, mein Haar wie der Herbst,
mein Leben, das niemand als du, Leser, erbst.

Christina Egan © 2016


The woman in the green dress stands for life, fertility, plenty, joy — like the Green Man or Green Woman of ancient pagan traditions, I suppose…

Die blauen Fernen

Die blauen Fernen

Fernab der Meere und der mächtgen Ströme
liegt meine Hügelheimat hingebreitet;
mit jeder Wendung, Steigung, die ich nehme,
wird mir der Blick auf neue Höhn geweitet.

Was braucht es Meere, wenn uns Wald und Wiesen
und Feld und Felsen und die blauen Fernen
wie Wellenberge, Wellentäler fließen,
den Schritt beflügeln und das Herz erwärmen?

Die Luft ist rein, mit Duft und Kraft geladen,
die Glieder und den Geist mir zu verjüngen;
und winters werden Schnee und Nebelschwaden
des Eismeers Zauber in die Berge bringen.

Christina Egan © 2016


One stanza of this poem is printed in the Rhönkalender 2018
with a photo from that part of the Central German Highlands.

Der letzte Tropfen

Der letzte Tropfen

Wein von der Farbe des Blutes, jedoch vom Dufte der Rosen,
Wein von des Abends Kühle, darauf von der Hitze des Herdes…
Halb nur bewußte Gebete murmelnd, vergieß’ ich das Opfer:
Göttern den ersten Tropfen, den letzten dem fernen Geliebten.
Unbekannt sind mir jene, nicht weniger fremd ist mir dieser,
marmornes Bildnis verborgen im Haine heiliger Pinien.
Glatt wie silberne Spiegel und pfeilgerade die Straßen,
welche das mächtige Rom über Sümpfe und Hügel geknüpft hat:
Dennoch führt nicht eine zum Ziel, zum Dache des andern,–
ewig harrt man allein, allein unter schweigenden Sternen.

Christina Egan © 2015

Roman mosaic of bottle and cup

Like every year, I begin this blog with a Roman road

The poem is written in hexametres, which I find difficult to emulate in English and German.

You can find another story with spilt wine and ancient roads, in the form of an English poem, at Quo vadis?.

 

Roman mosaic, Bardo Museum, Tunis.
Photograph: Christina Egan © 2014.

ich sammle das goldblatt / Scant Scent

ich sammle das goldblatt

ich sammle das goldblatt vom himmel
wer hat es gemalt?
den lapislazulischimmer
wer hat ihn bezahlt?

ich sammle den pfeil jener elster
ein schrei und ein flug
ich schneide das bild aus dem fenster
der glanz sei genug

ich fange den wind in den zweigen
bevor er verweht
ich schreibe mit purpur das schweigen
das späte gebet

Christina Egan © 2017

Bare branches against sunset in mauve and apricot; high mountains along horizon.


Sunset over the Bay
of Carthage, Tunisia,
around New Year’s Eve.

Photograph:
Christina Egan © 2013

 

 

 

Scant Scent

The incense of my prayer
turned damp in this dark place,
where layer upon layer
of cloud obscures the grace
of light and breath and warmth,
of ease and joy and strength —
O Lord of Hosts, accept
my incense with scant scent…

Christina Egan © 2017

bei der kapuzinerkresse

bei der kapuzinerkresse

die hohen blättertreppen übersteigt
ein strauß aus scharfen feuerfarbnen blüten
du stehst und schaust und malst dir aus er gleicht
den küssen die das lächeln überbieten

und fragst dich ob in dem verwunschnen garten
umsäumt von fremden roten blumenfächern
wohl wirklich solche gaben dich erwarten
als antwort auf dein grenzenloses lächeln

Christina Egan © 2011

 

Two nasturtium flowers in very strong orange with some of their large round leaves in fresh green

 

You can actually eat the petals and young leaves of nasturtium: and they taste as fiery as they look! These were the last of cascades of blossom — in December!

 

Photograph: Christina Egan © 2015.