Sonett der drei Seen

Sonett der drei Seen
(São Miguel, Azoren)

Der Teich war gelb, und gelbe Dämpfe stiegen
ins heiße Blau, umringt von dunklen Ranken,
als müde Glieder sich im Gelb entspannten
mit Blättern, die wie Schlick im Strudel trieben.
Der See war grün, und grüne Schimmer hingen
in steilen Hängen und in flachen Tiefen,
worunter ungeheure Feuer schliefen,–
zur rechten grün und himmelblau zur linken.
Und um die gelben, grünen, blauen Kessel
und buntbestickten Ufer lief ein Band
von schwarzen Felsen und von schwarzem Sand;
und darum – ohne Grenze, ohne Fessel
und ohne Form – das Meer, das Element…
O selig, wer die sanften Inseln kennt!

Christina Egan © 2016

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Sete Cidades, (São Miguel, Azores). Photograph by Aires Almeida from Portimão, Portugal, via Wikimedia Commons.

 

The colours of the water are really like in the photo! See also my verse Acherons Mund  for the darker aspects of these isles.

These poems may work in a translation software, although you only get the meaning, not the sounds, which are like music and like the sounds of nature itself!

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Die Fluten der Stadt

Die Fluten der Stadt

I.

Vor meinem Fenster rauscht die späte Stadt
und glitzert auf im Vollmond, schwarzes Meer;
sie spült Millionen Menschen hin und her,
spielt Fangen, nimmermüd und nimmersatt.
In ihrem Brausen höre ich Willkommen
und lasse mich auf ihren Wellen treiben.
Die Sternbilder der Leuchtreklamen schreiben
sich unter meine Lider… schon zerronnen.
Und nie allein: weil ich alleine bin,
zu Haus im selben Sehnsuchtsleitmotiv
wie jeder andre aufgewühlte Sinn.
Was immer schon in meinen Gliedern schlief,
schäumt ungebärdig zu den Sternen hin:
Ich will dich, will dich wild und meerestief.

II.

Auf vielen Brücken stand ich, ausgespannt
von Stahl und Stein an Themse, Rhein und Main,
und unter allen Himmeln stets allein:
stets einem Unsichtbaren zugewandt.
Es wandeln ja mit jedem neuen Strand
die Menschen wie die Häuser ihr Gesicht,
erstehen anders schon im Morgenlicht;
und immer wieder scheint mir eins verwandt.

Die Fluten wechseln – braun, blau, grau und grün –
die Augen ebenso, die mich gebannt,

sie füllen meine Augen – und entfliehn.
Doch deine, die ich nur von ferne fand,
die kaum mich streiften, seh ich weitersprühn…
Und ihre Farbe hab ich nie gekannt.

Christina Egan © 1995 / 1996

Black and white panorama of London skyline from a Thames bridge, with another bridge, boats, skyscrapers, St Paul's.

London. Photograph: Christina Egan © 2014


The narrator looks for love amidst the masses of the big city by the big river, where the star constellations consist of neon advertisements. She or he adores someone whom she has only seen from afar so that she does not even know the colour of his or her eyes.

Each sonnet makes a paradoxical statement about loneliness: This person is never lonely because many other people in this city share her loneliness; and she is always lonely because she is in the presence of a beloved one who is absent.

Epithalamium (A Hundred Snowflakes)

Epithalamium

A hundred snowflakes melting in your hair,
and every one a different ornament;
a hundred swallows weaving in the air,
each on its own encrypted message bent;
a thousand roses, beauty pure and bare,
each goblet filled with subtly varied scent;
a thousand leaves consumed in festive flare,
each spelling out its special testament…
So how much more are you – a human face –
unheard-of and unequalled in your blend?
I chose you from a thousand for your grace,
fulfilling and surpassing what I dreamt.
So by your side I take today my place,
while unnamed blessings blossom and descend.

Christina Egan © 2014

An epithalamium is a wedding song; a Continental sonnet
has 8 + 6 lines. Here, the first eight lines present images
from the four seasons; the last six lines state that humans are
more complex and individual than any natural phenomenon.

Some German poems on the uniqueness of each person can be
found at
Einer von Millionen and Hieroglyphe.

Der letzte Tag des Sommers ist gekommen

Der letzte Tag des Sommers ist gekommen

Der letzte Tag des Sommers ist gekommen
mit Tropfen frischen Bluts und Flocken Schnees
entlang des ausgeblichnen Blumenbeets,
mit Sonnenschein, geballt und dann verschwommen,
mit Regenschauern, hart und schon zerronnen,
mit tausendfacher Kraft des Krauts und Klees
und brüchigbraunem Laub entlang des Wegs,
mit Silbernetzen wie aus Luft gesponnen.
Der letzte Tag des Sommers hält die Fahne
von allen Farben in die wilden Winde,
daß sie das Auge ohne Suche finde,
daß sie die Seele ohne Zweifel ahne…
Der letzte Tag des Sommers hängt die Fahne
an gelber Rosen berstendes Gebinde.

Christina Egan © 2014


The first part of this sonnet (8 lines) conjures up scattered petals like drops of blood and flakes of snow, bright sunshine and hard rain, vigorous herbs and brittle leaves and delicate webs. The second part (6 lines) lets the last day of summer hold a colourful banner into the wild winds and hang it onto a lush garland of yellow roses. — See also Poems about roses, life and death (a German and English selection).