Die Störche entflohen dem Norden

Die Störche entflohen dem Norden

Die Störche entflohen dem Norden,
Und nie mehr ziehn sie zurück:
Mir ist mein Kindlein gestorben,
Und nie mehr find ich mein Glück.

Mein einziges Kind ist gestorben,
Und niemand hat es bemerkt –
Denn niemals sah es den Morgen,
Und niemand hat mich gestärkt.Two storks in a nest, standing very close together, surmounted by a triangular tree and a steep roof, in the dusk.

Mein Lächeln muß ich mir borgen,
Wenn Frühjahr die Täler doch färbt:
Mir ist es, als wär ich gestorben,
Und niemand hätt’ mich beerbt.

Mir ist es, als wär’ ich im Norden,
Auf Nebelinseln, daheim:
Der Sommer hatt’ mich umworben
Und ließ mich dann achtlos allein.

Die Störche sind immer geborgen
In Kreisen von Sonne und Wind…
Doch ich erwache in Sorgen:
Mir lachte im Traume das Kind.

Christina Egan © 2013

Nest with two storks in North African city with crumbling walls and palm trees.

This is the story of a woman who lost her only child before birth or at birth, or who never had one at all and will never have one.

This poem sounds like a folksong and could be set to music.It may also work well in a translation software.

 

Photographs: Wyk on Föhr, Germany / Marrakesh, Morocco. Christina Egan © 2014/2012.

Kretische Küste

Kretische Küste

I.

Vor mir ein grünes Meer, ein roter Strand
und hinter mir die himmelhohe Wand
der Weißen Berge, mit Gesträuch schraffiert,
mit Schluchten aufgeteilt, vom Mond berührt.

Es schwindelt mich, so schroff ist es und schön…
ich möchte mitten ins Gebirge gehn,
als sei es eines Mannes Wohlgestalt
und berge sein Gemüt in jedem Spalt.

II.

Der kupferfarbne Sand wird doch zu Gold,
wo er in steiler Woge niederrollt
und sich mit jenem Brennendblau benetzt,
das kommt und nochmals kommt… und jetzt… und jetzt.

Und Disteln starren in dem dürren Strand,
die plötzlich strahlen wie von Zauberhand,
wenn erster Regen flüchtig niedersteigt
und Brautkleidblüten aus den Blättern treibt!

III.

Wo täglich Himmel sich mit Meer vermählt
und Landes Rand von anderm Strand erzählt,
wo trockne Erde wie der Tagstern loht
von silbriggold bis zu orangerot,

wo noch bei Nacht das Wasser, kaum bewegt,
den Leib in schwerelosem Zauber trägt,
bis in das sanfte Schwarz ein Schweifstern stürzt –
dort laß uns warten auf den milden Herbst.

IV.

Mit riesenhaften grünen Pranken greift
das Meer hinein in den geschützten Kreis
des kleinen Hafens, daß die Mole schäumt
und sich die bunte Schar der Boote bäumt.

Des späten Herbstes erstes Fauchen fährt
in letzte schwere Hitze wie ein Schwert.
Fünftausend Jahre aber ragt die Stadt
ins Element, gelassen, sonnensatt.

Christina Egan © 2014

Flourishes on a mural, turquoise on luminous red and yello

For more poetry and information
on Knossos 
and Chania on Crete
see my English poems
The Pattern of a Yesterday and
Golden Dell.

 

Frieze in the royal palace at Knossos, Crete.
Photograph: Harrieta171 via Wikimedia.

Spätherbst (Feuer der Erde)

Spätherbst

Feuer der Erde
trieft aus den Früchten,
fließt aus dem Efeu,
sprüht aus den Dahlien,
fächert in Blättern,
schießt in Raketen,
fällt in Gestirnen,
tropft in Laternen.

Dann wandert die Sonne
nach innen,
in kerzenverzauberte Kirchen,
in wundererwartende Mienen,
in goldbestickte Musik.

Christina Egan © 2010

These lines refer to German winter customs,
which actually go far beyond Christmas:
after the fiery glow of autumn leaves, berries,
and flowers has gone, at certain times between
November and February
paper lanterns, real
candles, fireworks,
and bonfires are summoned
to dispel the gloom and cold!

November (Im dunkelblauen Nebel)

November

Im dunkelblauen Nebel liegen
gelöst mein Haus und Park.
Mein Herz hat einen Traum erstiegen
und hebt sich still und stark.

Der Herbst hat Gold um Gold gewonnen
mit schmerzloser Gewalt.
Das Mondlicht ist für mich geronnen
zu lieblicher Gestalt.

Christina Egan © 2010

This must be one of the happiest late-autumn poems ever:
exuding peace, evoking beauty, steeped in blue and gold!

First Autumn Days / Erste Herbsttage

First Autumn Days
(September Haiku)

*

Fiery flower,
still sucking sunshine, still scaling
the wooden fence.

*

The sky turns deep pink
above the first rusty leaves
and burning berries.

*

The moon, low and large,
a knob of solid silver
on heaven’s sceptre.

***

Erste Herbsttage

*

Feurige Blume,
noch saugst du die Sonne ein,
kletterst den Zaun hoch.

*

Tiefrosa Himmel,
erste rostrote Blätter,
brennende Beeren.

*

Der Mond, niedrig, groß,
solide Silberkugel
am Himmelszepter.

*

Christina Egan © 2015

*

Haiku have 5 + 7 + 5 syllables.
The German haiku are translated
from the English ones.

Der letzte Tag des Sommers ist gekommen

Der letzte Tag des Sommers ist gekommen

Der letzte Tag des Sommers ist gekommen
mit Tropfen frischen Bluts und Flocken Schnees
entlang des ausgeblichnen Blumenbeets,
mit Sonnenschein, geballt und dann verschwommen,
mit Regenschauern, hart und schon zerronnen,
mit tausendfacher Kraft des Krauts und Klees
und brüchigbraunem Laub entlang des Wegs,
mit Silbernetzen wie aus Luft gesponnen.
Der letzte Tag des Sommers hält die Fahne
von allen Farben in die wilden Winde,
daß sie das Auge ohne Suche finde,
daß sie die Seele ohne Zweifel ahne…
Der letzte Tag des Sommers hängt die Fahne
an gelber Rosen berstendes Gebinde.

Christina Egan © 2014


The first part of this sonnet (8 lines) conjures up scattered petals like drops of blood and flakes of snow, bright sunshine and hard rain, vigorous herbs and brittle leaves and delicate webs. The second part (6 lines) lets the last day of summer hold a colourful banner into the wild winds and hang it onto a lush garland of yellow roses. — See also Poems about roses, life and death (a German and English selection).

Poems about Roses, Life & Death

Poems about Roses, Life & Death

Vase_and_rose_02Sonnengelb

Im sonnengelben Tüllgewand
mit rosarotem Rüschenrand
schwankt sie im satten Bühnenlicht
von Gleichgewicht zu Gleichgewicht:
die königliche Tänzerin,
die Rose namens Harlekin!

Sunny Yellow

Dressed in sunny yellow gauze
hemmed with ruffs like rosy haze,
perfect poise in every pose,
in the lime-light there she sways,
dancing-girl of regal grace:
Harlequin, the motley rose!

Photograph: Christina Egan © 2013  –  Texts: Christina Egan © 2015

          The Giant Rose

Gdn_RoseRed_2009June

The giant rose, pale yellow, slightly flushed,
still opens and expands and grows more lush
            with every breath.
Yet its intoxicating scent deceives:
for through her delicate and ample leaves
            runs silent death.

Photograph: Christina Egan © 2009  –  Text: Christina Egan © 2013

Crimson silk

A cushion of crimson silk
and swelling still,

a mouth of countless lips,
of soundless words,

the red rose
stands

releasing its heavy scent
like crimson streamers, crimson streams,

until I feel it on my tongue
like ivory-coloured marzipan!

Christina Egan © 2015

Gelbe Rose

In Sonnengelb und Aprikose
reckt sich die prallgefüllte Rose
in ihrem reifsten Augenblick,
als eine Frau – in gelb gekleidet,
mit goldnem Haar – vorüberschreitet
mit schwebendem und festem Schritt.

Die Rose weiß noch nichts vom Welken,
entfaltet sich im hohen gelben,
vermeintlich abendlosen Licht…
Die Frau schaut lange, hält den Atem
in jenem festtagsbunten Garten,
wo ihre Jugend jetzt zerbricht.

Christina Egan © 2011

Sonnengelb and Sunny Yellow  are parallel creations. The flower in the vase and the flower in the painting looked exactly the same in their striking shapes and colours as well as in size and maturity…  

Gelbe Rose (Yellow rose) compares a rose in shades of apricot and sunflower and a woman with similar clothes and blond hair. The flower, at the height of her life, does not know that age and death are about to strike; but the woman does.

You will find more roses in the sonnet Der letzte Tag des Sommers ist gekommen.