um mitternacht (der letzte bus)

um mitternacht

um mitternacht
der letzte bus
die straße strömt
ein dunkler fluß

die häuser schlafen
wand an wand
die bäume ruhn
im brautgewand

um mitternacht
der letzte kuß
die kurze kerze
loht mit lust

der mond hängt schräg
ein heller mund
die stille quillt
aus sattem grund

Christina Egan © 2015


This night scene is so peaceful that everything seems animate
and comfortable: the road is streaming, the houses are sleeping,
the trees are slumbering, dressed in blossom like brides.

Yet the person observing this is restless: seeing bright lips in the slanting
moon crescent, burning up like a candle, and knowing that life is
as short as a candle…

The German word ‘Lust’ could mean ‘lust’, ‘desire’, ‘zest’ or ‘pleasure’!

Die Fluten der Stadt

Die Fluten der Stadt

I.

Vor meinem Fenster rauscht die späte Stadt
und glitzert auf im Vollmond, schwarzes Meer;
sie spült Millionen Menschen hin und her,
spielt Fangen, nimmermüd und nimmersatt.
In ihrem Brausen höre ich Willkommen
und lasse mich auf ihren Wellen treiben.
Die Sternbilder der Leuchtreklamen schreiben
sich unter meine Lider… schon zerronnen.
Und nie allein: weil ich alleine bin,
zu Haus im selben Sehnsuchtsleitmotiv
wie jeder andre aufgewühlte Sinn.
Was immer schon in meinen Gliedern schlief,
schäumt ungebärdig zu den Sternen hin:
Ich will dich, will dich wild und meerestief.

II.

Auf vielen Brücken stand ich, ausgespannt
von Stahl und Stein an Themse, Rhein und Main,
und unter allen Himmeln stets allein:
stets einem Unsichtbaren zugewandt.
Es wandeln ja mit jedem neuen Strand
die Menschen wie die Häuser ihr Gesicht,
erstehen anders schon im Morgenlicht;
und immer wieder scheint mir eins verwandt.

Die Fluten wechseln – braun, blau, grau und grün –
die Augen ebenso, die mich gebannt,

sie füllen meine Augen – und entfliehn.
Doch deine, die ich nur von ferne fand,
die kaum mich streiften, seh ich weitersprühn…
Und ihre Farbe hab ich nie gekannt.

Christina Egan © 1995 / 1996

Black and white panorama of London skyline from a Thames bridge, with another bridge, boats, skyscrapers, St Paul's.

London. Photograph: Christina Egan © 2014


The narrator looks for love amidst the masses of the big city by the big river, where the star constellations consist of neon advertisements. She or he adores someone whom she has only seen from afar so that she does not even know the colour of his or her eyes.

Each sonnet makes a paradoxical statement about loneliness: This person is never lonely because many other people in this city share her loneliness; and she is always lonely because she is in the presence of a beloved one who is absent.

das dritte bild

das dritte bild

dein foto ist der neugier aller welt
auf einem internetplatz ausgestellt:
man sieht den hut, viel haar und auch gesicht,
die augenlider, doch die augen nicht.

verschlossen steht und abseits tief in mir
ein anderes, ganz altes bild von dir:
ein überscharfes leuchtendes profil,
als ob’s aus einem traum zersplitternd fiel.

noch in der zukunft liegt das dritte bild,
das meinen wilden durst nach leben stillt:
ich sehe, wie du leuchtest, weil du lebst,
wenn du dich wendest und die augen hebst.

Christina Egan © 2011


 

The narrator adores a man or woman of whom he or she has gathered only a few impressions: mainly a distant memory and an online photo. These two are the past and the present; the future consists only of imagined images.

Bow and Arrow

Bow and Arrow

The arrow itself
is love,
it is shot through my eyes,
and you know it.

The bow, however,
is lust,
it is built from my bones,
and I know it.

The string, it’s the string
of pain
which gives me my power,
the pain underneath my skin.

Christina Egan © 2013


 

On the overwhelming
natural force of falling in
love, see also my previous
post
‘The Mechanics of Love’ .

inselstrand / mondstrand

inselstrand

der sand ist durchsponnen
von tausenden rinnen
wo winzige flüsse
perlmuttern erschimmern

sich sammeln sich teilen
erwärmen erschauern
bald rasten bald eilen
erblassen erblauen

der sand is voll salz
und voll sonne gesogen
das leben verbirgt sich
im atmenden boden

das land ist dem wind
und dem wasser verwoben
die seele der enge
der insel enthoben

Christina Egan © 2014

Shallow sandy beach and blue sea water filling lower half of picture, sky-blue sky with a few clouds above. Exudes tranquillity.

Beach of Wyk on Föhr, Germany. Photograph: Christina Egan © 2014.

mondstrand

streckt das meer sich
mondbeglänzt
wacht die erde
nachtentgrenzt

webt die wolke
geisterhaft
um der mondin
zauberkraft

schlägt die schwärze
windbewegt
auf das silber
feingeprägt

pocht die welle
unentwegt
an den sandstrand
sanfterregt

taucht die sohle
heiß und bloß
in die brandung
ruhelos

steigt der schmerz
im raschen blut
fällt die träne
in die flut

steht die hoffnung
fest und fern
hängt das herz
am höchsten stern

Christina Egan © 2014


These lines stem from a visit to two tiny round North Sea
islands, Föhr and Hooge. Besides my walks on the beach —
by day and by night — I was inspired by
Gregor Swoboda’s
paintings
 at Galerie Nieblum.

Find more poems and photos at Views of North Sea Islands
(in German and English).

vermächtnis

vermächtnis

und wieder dünen. wieder hohes gras.
und meer und himmel hier mit urgewalt.
und wieder du in deiner wohlgestalt.
und mein verlangen sanft und ohne maß.

ich tauch in deine lichten augen ein…
das meer entweicht. es war nur wellenschaum.
der tag verbleicht. du warst ein sommertraum.
ich bin allein am strand. ich bin allein.

wie mars in seinem kupferfarbnen glanz
entsteigt dem wall des kiefernwalds dein bild.
die brandung klopft. und klopft. der boden quillt.
ich kröne dich mit meiner verse kranz.

Christina Egan © 2015

Golden dune, green grass and shrubs, deep-blue sky.

 

This is my poem of the year 2015! It is, as the title states, my Bequest.

Like many other poems, it was inspired by a holiday on the Darss.

 

“Dune in Nature reserve Darßer Ort, Baltic Sea”. Photograph: Andreas Tille via Wikimedia Commons.