gesichter (fotografie / teetasse / verabredung)

gesichter

I.

fotografie

dein angesicht fängt wie ein schrein
den flammenglanz des himmels ein
und stellt ihn zart und zauberbunt
in meines herzens mittelpunkt…
ich bin allein und nicht allein.

II.

teetasse

ich schau in einem schwarzen teich
flüchtig und deutlich ein gesicht
vor einsamkeit und kummer bleich
wie ein gespenst bei mondenlicht…
ich bin es und ich bin es nicht.

III.

verabredung

zwei stimmen stimmen überein
und fremde züge spiegeln sich
zuweilen blütenblätterfein:
auf deines reimt sich mein gesicht!
du weißt es und du weißt es nicht.

Christina Egan © 2012


Two voices which echo each other, two faces which mirror each other, two people who rhyme… Everyone’s dream — and sometimes it comes true.

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Burgberg

Burgberg

I.

Aus dem Nebel tauchen Mauern, scharlachumrankt –
ein Hauch auf der Haut, ein Traum gegen Morgen.

Der Burgberg, ein Eswareinmal,
das sich eine Auferstehung ertrotzt.

Deine Stimme, eine schwingende Brücke,
golden und lockend und unbetretbar.

Dein Gesicht, von den Jahren klarer geschnitzt,
das ich lesen will, lange, wie deine Stadt –

II.

Und wieder Laubhaufen, knöchelhoch, kniehoch,
Nebelschwaden, als wanderte man durch Wolken.

Dem ungreifbaren Weiß enttaucht ein Spitzbogen,
ein Tor: Es führt nirgendwohin.

Der neben einem geht, mit einem redet,
bleibt schemenhaft. Vielleicht ist er ein Traum.

Und wieder November. Dreißig Sommer
entblätterten sich in den Wind, in den Wind.

Christina Egan © 2001 (I) / 2017 (II)

Nächster Halt: Potsdamer Platz

Nächster Halt: Potsdamer Platz

Schwingt ihre Hüften und wippt ihre Füße
fröhlich die Straßenbahn, macht einen Satz,–
weben Zylinder und Wagenradhüte,
Kappen und Häubchen am Potsdamer  Platz!

Strahlen geschwungene Straßenlaternen,
äugen Gesichter aus blumigem Putz,
lachen Plakate und wirbeln und werben:
Pflückt euch das Leben am Potsdamer Platz!

Längst sind zu Staub die Fassaden zerstoben,
längst ist verklungen Berlins Karussell,–
aber im Geiste, dem Zeitlauf enthoben,
dreht es sich kunterbunt, munter und schnell.

Christina Egan © 2017

Noble townhouse with rich stucco ornaments and rose-tree.

This poem is the middle part of my Berlin Triptych, together with Nächster Halt: Bahnhof Zoo and Nächster Halt: Flughafen Schönefeld. Someone arrives at Zoo Station, then passes Potsdamer Platz on a round-trip, and leaves from Schönefeld airport.

For an English poem about the same square, go to Glass Mountain (Potsdamer Platz).

Photograph: Noble townhouse in Berlin — one inspiration for these lines! Christina Egan © 2016.

I Sought the Star / Weihnachtskerzenflamme

I Sought the Star

Weary was, had wandered far…
        Again, it snowed.
Without a doubt, I sought the star
        above the road:

 The star that had been made for me,
        a radiant face,
above the maze of destiny,
        above the ice.

I climbed a random rugged hill –
        and there it burned!
Above a shelter bright and still
        and warm and firm.

And still they glow, the tiny spark
        and snowed-in home,
both given to my hungry heart
        by faith alone.

Christina Egan © 2010


Weihnachtskerzenflamme

Wie eine Weihnachtskerzenflamme strahlt
dein sanftes schmales Angesicht,
auf dem sich langersehnte Freude malt,–
so hell bist du und ahnst es nicht.

Wie hoheitsvolle Rosenknospen stehn
die Hände in dem goldnen Licht,
so zart, als würden sie im Wind vergehn,–
so weich bist du und weißt es nicht.

Christina Egan © 2014


A ‘Christmas Candle Flame’ as an image for a joyful, gentle, guileless face works only where, like in Germany, the tradition of real candles is upheld!

The second stanza compares the person’s hands to tender, graceful, regal rosebuds. The poem appears to describe a child but was in fact written for an adult.

kairos (eben im zenith)

kairos

eben im zenith des tages
tret ich in ein helles haus
und ich folge seinen stufen
und ich find nie mehr hinaus

eben im zenith des jahres
fällt dein flammendes gesicht
in den brunnen meines auges
mit dem hohen sonnenlicht

eben im zenith des lebens
flutet sanft mein goldnes haar
in die schale deiner hände
und die liebe wird uns wahr

denn du findest meinen namen
den geheimen dachtürknauf
und im purpurroten buche
deines schicksals scheint er auf

Christina Egan © 2015


Noble townhouse with rich stucco ornaments and rose-tree.In Greek philosophy, the kairos is the moment — the right moment or the destined moment. The incident takes place at a triple zenith: at twelve noon, around midsummer solstice, and at the highest point of life. The latter, if it exists, will be different for everyone…

Possibly, the story happens only in the narrator’s mind: she imagines that one day in June, she steps into an unknown building and “never leaves again”, because her name was written in someone else’s book of destiny — so they fall in love at first sight.

Photograph: Christina Egan © 2016.

restloslächeln

restloslächeln

von dem blütengesicht
wendest du dich ab
vor der glockenstimme
läufst du davon

denn du willst dich nicht
wundsehnen
nie mehr willst du dich
krankfragen

es ist dir zu teuer das
restloslächeln
zu gefährlich ist dir das
endlosküssen

und dein eignes blütengesicht
versteckst du sorgfältig
samt deiner glockenstimme
in deinem kopfkissen.

Christina Egan © 2012


Observations of the fear of love, the fear of falling in love, the flight from a person you would love to love…

In German, you can more easily invent new words which will be written in one word: here, it is ‘making yourself sore with longing’, ‘making yourself ill with asking’, ‘smiling without leftover’, and ‘kissing without end’. Occasionally, German is more concise than English!

The Spirits of Nimrod

The Spirits of Nimrod

The Spirits of Nimrod
stood tall and stood fast
to guard empty castles
of empires past.

The spirits of marble
were shaken at last:
their wings broken off,
their beards ground to dust.

The proud heads of Nimrod
are curls without face,
their eloquent pedestals
frames without phrase.

Yet some still have lips
to whisper by dusk
and some stir their wings
deep under the mud.

The Spirits of Nimrod
will rise like the sun,
invincible eagles:
beware when they come!

Christina Egan © 2016

Ruins with many columns in arid, hilly land.

Invaluable buildings and sculptures of great antiquity and beauty have recently been destroyed by Daesh (so-called Islamic State). Nimrod was one place affected by those war crimes and Palmyra another.

These lines evoke the return of the gods — not as pagan deities but as statues: as witnesses of history and works of art, which we worship in our own way and will reconstruct, recreate, document, or remember.

Photograph: Diocletian’s camp in Palmyra, Syria (2010). By Bernard Gagnon (Own work) [GFDL], via Wikimedia Commons.