Wandel (Wo ist der hohle Baum)

Wandel

Wo ist der hohle Baum
im Kreise der steinernen Bänke,
der mit knochigen Fingern
die Netze des Nebels,
mit knorrigen Zehen
das feuchte Gras durchfischte?

Buds and fresh leaves on top of shoots above a parkAlles ist quellendes Blatt nun
und berstendes Bunt,
Laubzauber, lautloses Lachen,
tiefer Atem langer Tage
zwischen bergendem Grund
und goldenem Wind.

Christina Egan © 2006

Schloßpark Fulda im Frühling.
Photograph: Christina Egan © 2014.

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Irgendein Montag

Irgendein Montag

Was wär das Leben enthoben vom Nebel?
Was wär das Leben mit prallvollem Segel?
Was wär der Tag wo sich alles gelohnt hat?
Irgendein Montag…

Einmal die Plätze und Parks zu durchwandern
im Wissen du bist unterwegs zu dem andern
der deine Augen studiert wie ein Buch
als wärst du die Erde als wärst du genug

Das wär das Leben so wie es gedacht ist
das wär das Leben für das du gemacht bist
das wär der Tag wo sich alles gelohnt hat
irgendein Montag…

Einmal gemeinsam die Nacht zu durchschweben
einmal das Leben zu Ende zu leben
Park in the dusk, with heart-shaped illuminated decoration, forming a frame around a spire in the distance.einmal zu wissen ein einziges Mal
wenn auch zur Zeit nur im Konditional:

Dies wär die Liebe so wie sie gedacht ist
dies wär die Liebe für die du gemacht bist
dies wär der Mensch der wenn er dich küßt
weiß wer du bist

Das wär das Leben so wie es gedacht ist
das wär das Leben für das du gemacht bist
das wär der Tag wo sich alles gelohnt hat
irgendein Montag…

Christina Egan © 2011

Valentine’s Day on Gozo, Malta.
Photograph: Christina Egan © 2018.

Burgberg

Burgberg

I.

Aus dem Nebel tauchen Mauern, scharlachumrankt –
ein Hauch auf der Haut, ein Traum gegen Morgen.

Der Burgberg, ein Eswareinmal,
das sich eine Auferstehung ertrotzt.

Deine Stimme, eine schwingende Brücke,
golden und lockend und unbetretbar.

Dein Gesicht, von den Jahren klarer geschnitzt,
das ich lesen will, lange, wie deine Stadt –

II.

Und wieder Laubhaufen, knöchelhoch, kniehoch,
Nebelschwaden, als wanderte man durch Wolken.

Dem ungreifbaren Weiß enttaucht ein Spitzbogen,
ein Tor: Es führt nirgendwohin.

Der neben einem geht, mit einem redet,
bleibt schemenhaft. Vielleicht ist er ein Traum.

Und wieder November. Dreißig Sommer
entblätterten sich in den Wind, in den Wind.

Christina Egan © 2001 (I) / 2017 (II)

Alles drängt vorwärts

Alles drängt vorwärts

*

Fahrzeug um Fahrzeug,
bunte Menschen, Hunderte,
alles drängt vorwärts.
Durch das Adernetz der Stadt
rollt das Leben, das Sterben.

*

Kein einziger Stern,
bloß Wolken, Nebel und Staub
über den Dächern.
Doch Funken stieben, golden
und rot, über die Kreuzung.

*

Christina Egan © 2015/ © 2017

Busy junction in the dusk, with red and yellow lamps of cars and buses glaring.

These tanka were written in Bloomsbury, London,
one in summer and one in winter, one bright light
and one in dim light;  but the seasons and hours
make less difference in London than elsewhere…
For similar poems in English, go to Ripples of People.

Photograph: Deptford Broadway, London.
Michael Oakes © 2016

Die blauen Fernen

Die blauen Fernen

Fernab der Meere und der mächtgen Ströme
liegt meine Hügelheimat hingebreitet;
mit jeder Wendung, Steigung, die ich nehme,
wird mir der Blick auf neue Höhn geweitet.

Was braucht es Meere, wenn uns Wald und Wiesen
und Feld und Felsen und die blauen Fernen
wie Wellenberge, Wellentäler fließen,
den Schritt beflügeln und das Herz erwärmen?

Die Luft ist rein, mit Duft und Kraft geladen,
die Glieder und den Geist mir zu verjüngen;
und winters werden Schnee und Nebelschwaden
des Eismeers Zauber in die Berge bringen.

Christina Egan © 2016


One stanza of this poem is printed in the Rhönkalender 2018 with a photo from that part of the Central German Highlands; the whole poem has been published in the Münsterschwarzacher Bildkalender 2019.

Cimmerian Summer

Cimmerian Summer

This lifeless gloom: is it the dusk?
This pale white disc: is it the moon?
Is this a mild day in November?
No: in the land of ceaseless mist
this is the sun; the afternoon;
the lightless first day of September.

Christina Egan © 2015


“ἔνθα δὲ Κιμμερίων ἀνδρῶν δῆμός τε πόλις τε,
ἠέρι καὶ νεφέλῃ κεκαλυμμένοι.”

There are the land and city of the Cimmerians,
wrapped in mist and cloud.”  

Homer, Odyssey, 11:14-15


“Britain is set in the Sea of Darkness.
It is a considerable island. This country is most fertile,
its inhabitants brave, active and enterprising….
but all is in the grip of perpetual winter.”

Muhammad al-Idrisi of Sicily, ca. 1154


Homer never ceases to inspire us. Incidentally, I saw a retelling of the Odyssey  last night, at a London playhouse, or rather, amphitheatre! (On this first day of September, the weather is in fact glorious.)

The memory of four clearly marked seasons, full of bright leaves and fruits, and the sorrow about the apparent confusion of the climate are depicted in My Pack of Cards.

Oktoberbilder

Oktoberbilder

I.

Die weiche Luft wie weißes Brot…
Das erste volle Herbstesrot
hängt überm frischgetränkten Gras.
Die Sonne bleibt durch Dunst versperrt,
doch Astern sprühn ihr Feuerwerk,
und Rosen quellen ohne Maß –
O erdgeborne Sternenpracht,
die uns am hellen Tage lacht,
o buntes Bild auf grauem Glas!

II.

Der Himmel ist mit Blau behaucht,
die Gärten neu in Gold getaucht,
mit Gelb getränkt schon manches Laub;
und selbst das Blatt, das sterbend schwebt,
ist kupferrot wie frischerregt.
Noch einmal kost das Licht die Haut…
Das Windrad saust, die Wolke fliegt,
ein weißer Blütenball zerstiebt –
Zuletzt wird jedes Ding zu Staub.

Christina Egan © 2015

This poem has meanwhile been published in the Rhönkalender 2017.