Verquer

Verquer

Garden furniture jumbled up by storm in front of old wooden shed.Ich schau auf die Straße:
Doch niemand kommt her.
Die Sonne ist prachtvoll,
die Wolken sind schwer.

Ich schau in den Garten:
Die Stühle sind leer.
Die Welt ist betörend,
die Welt ist verquer.

Und niemand, ach niemand
erahnt meinen Schmerz!
Das Leben – ein Schicksal?
Das Leben – ein Scherz?

Wie Weihrauch denn steige
mein Wort himmelwärts,
daß Gott sich mir neige
und wandle mein Herz.

Christina Egan © 2015

Photograph: Christina Egan © 2012.

 

 

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traurige ernte / Funkenschlag

traurige ernte

purpurn häufen sich die trauben
äpfel rollen dick und gelb
unter meinen müden augen
neben meinem armen feld

unerwidert bleibt mein lächeln
meine tränen ungezählt
unbedeutend rinnt mein leben
und ich sterbe unvermählt

Christina Egan © 2011


Funkenschlag

Ich habe spät beim Wein gesessen
und in die Nacht hinausgedacht:
Ich werde ohne Erben sterben;
was hat mein Leben ausgemacht?

Ich habe nicht umsonst gelitten,
ich habe nicht umsonst gelacht:
Der Funkenschlag geschliff’ner Worte
hat oft schon Flammensprung entfacht.

Christina Egan © 2009


The first person is dejected in the belief that his or her life has not been fruitful; they feel lonely and poor, not necessarily in material terms. The second person is convinced that he or she has not  lived and suffered in vain: they made a difference through their words.

That successful person could be a politician or a novelist, for instance; but it does not matter, because everyone has made a difference to the world and has been irreplaceable. Our heirs are those who inherit our lives, whether in  money, property, things or in achievements, inventions, ideas.

Ich knabbre an Träumen

Ich knabbre an Träumen

I.

Ich knabbre an Träumen,
sie machen nicht fett,
sie machen den Mangel
an Leben nicht wett.

Sie füllen die Augen
mit flüchtigem Licht,
zerreißen das graue
Gewölk aber nicht.

Ich trinke Erinnrung
wie Tropfen von Gold
und spür’, wie die Zukunft,
die Zeit mir entrollt.

II.

Bundle of daffodils in front of a wooden fence in bright sunlight.

Ich klammre die Hände
um Murmeln aus Glas
und flüstere Wünsche
ins glitzernde Gras.

Die Murmeln sind tief
in den Taschen versteckt:
Noch nie hat ein Mensch
meine Träume entdeckt,

noch nie hat ein Freund
meine Träume geteilt,
am gläsernen bunten
Geäst sich erfreut.

III.

Es leuchten Narzissen
wie Sterne am Zaun,
wie stille Versprechen
im quellenden Raum.

Doch rinnt mit dem Regen
das Heute dahin…
Mir knistern wie Flammen
die Träume im Sinn,

wie blaßblaue Geister
und hellrote Glut –
O wehe den Menschen
mit Sehnsucht im Blut!

Christina Egan © 2012

Photograph: Christina Egan © 2017.

Warten ist der Winter

Warten ist der Winter

Warten ist der Winter, Warten
auf den endlich wieder starken
Glanz, der sanft ins Leben küßt,
was vor Gram verblichen ist.

Einsam ist der kleine Garten,
während Garben aller Farben
unter altem Laub und Moos
schlummern im verdorrten Schoß.

Hilflos ist das lange Darben
für den unbemerkten Garten:
hilflos, doch nicht hoffnungslos,
denn der Himmel ist sein Trost.

Christina Egan © 2012

Die Fluten der Stadt

Die Fluten der Stadt

I.

Vor meinem Fenster rauscht die späte Stadt
und glitzert auf im Vollmond, schwarzes Meer;
sie spült Millionen Menschen hin und her,
spielt Fangen, nimmermüd und nimmersatt.
In ihrem Brausen höre ich Willkommen
und lasse mich auf ihren Wellen treiben.
Die Sternbilder der Leuchtreklamen schreiben
sich unter meine Lider… schon zerronnen.
Und nie allein: weil ich alleine bin,
zu Haus im selben Sehnsuchtsleitmotiv
wie jeder andre aufgewühlte Sinn.
Was immer schon in meinen Gliedern schlief,
schäumt ungebärdig zu den Sternen hin:
Ich will dich, will dich wild und meerestief.

II.

Auf vielen Brücken stand ich, ausgespannt
von Stahl und Stein an Themse, Rhein und Main,
und unter allen Himmeln stets allein:
stets einem Unsichtbaren zugewandt.
Es wandeln ja mit jedem neuen Strand
die Menschen wie die Häuser ihr Gesicht,
erstehen anders schon im Morgenlicht;
und immer wieder scheint mir eins verwandt.

Die Fluten wechseln – braun, blau, grau und grün –
die Augen ebenso, die mich gebannt,

sie füllen meine Augen – und entfliehn.
Doch deine, die ich nur von ferne fand,
die kaum mich streiften, seh ich weitersprühn…
Und ihre Farbe hab ich nie gekannt.

Christina Egan © 1995 / 1996

Black and white panorama of London skyline from a Thames bridge, with another bridge, boats, skyscrapers, St Paul's.

London. Photograph: Christina Egan © 2014


The narrator looks for love amidst the masses of the big city by the big river, where the star constellations consist of neon advertisements. She or he adores someone whom she has only seen from afar so that she does not even know the colour of his or her eyes.

Each sonnet makes a paradoxical statement about loneliness: This person is never lonely because many other people in this city share her loneliness; and she is always lonely because she is in the presence of a beloved one who is absent.

Loss (Rounded is My Life)

Loss

Rounded is my life, a jewel
sparkling in the summer rain,
spinning round the hollow axis
of a loss without a gain.

Will you for one moment only
silently pick up my pain,
hold it in your gentle hands and
watch the white and biting flame?

Will you say: I’ve seen you suffer?
Will you say: I’ve felt the same?
If you know me and you tell me,
then I have not lived in vain.

You alone can see the beauty
of this tall and forceful flame,
of this shadow of abundance,
of this ghost of life’s full game…

Shall I pass unknown, unnoticed,
shall I die in pointless pain?
You alone can read my eyes and
call me by my real name.

Christina Egan © 2013


The first half of this poem describes a bereavement or a loss akin to it, like a miscarriage or a divorce. The second half turns this work into a love poem or a religious poem; as often in my work, I keep it open. Some of these lines could therefore be read at a funeral.

It is June again, and in northern Europe, rain is as characteristic of this month as sunshine is, and it can be as pleasant! The season might also relate, as often in my poetry, to the person’s age: someone afflicted by loss in the midst of life, when they should be thriving.

inselstrand / mondstrand

inselstrand

der sand ist durchsponnen
von tausenden rinnen
wo winzige flüsse
perlmuttern erschimmern

sich sammeln sich teilen
erwärmen erschauern
bald rasten bald eilen
erblassen erblauen

der sand is voll salz
und voll sonne gesogen
das leben verbirgt sich
im atmenden boden

das land ist dem wind
und dem wasser verwoben
die seele der enge
der insel enthoben

Christina Egan © 2014

Shallow sandy beach and blue sea water filling lower half of picture, sky-blue sky with a few clouds above. Exudes tranquillity.

Beach of Wyk on Föhr, Germany. Photograph: Christina Egan © 2014.

mondstrand

streckt das meer sich
mondbeglänzt
wacht die erde
nachtentgrenzt

webt die wolke
geisterhaft
um der mondin
zauberkraft

schlägt die schwärze
windbewegt
auf das silber
feingeprägt

pocht die welle
unentwegt
an den sandstrand
sanfterregt

taucht die sohle
heiß und bloß
in die brandung
ruhelos

steigt der schmerz
im raschen blut
fällt die träne
in die flut

steht die hoffnung
fest und fern
hängt das herz
am höchsten stern

Christina Egan © 2014


These lines stem from a visit to two tiny round North Sea
islands, Föhr and Hooge. Besides my walks on the beach —
by day and by night — I was inspired by
Gregor Swoboda’s
paintings
 at Galerie Nieblum.

Find more poems and photos at Views of North Sea Islands
(in German and English).