The Green Dress / Im grasgrünen Kleid

The Green Dress

This green, this green! The purest of greens,
the softest of silk, the smoothest of greens!
It’s mellow and creamy –
and glossy and hard –
it’s distant and dreamy –
and sudden and sharp –
It’s got all the earth in it, fields in full plume,
the glow of the sun and the snow of the moon!
There’s birch in it, ivy –
there’s lemon and lime –
and oceans and icebergs –
and olives and pine –
And the lady beneath the shimmering screen
bears the soul of the earth in the secret of green!
In the gold of her hair
and the blue of her eyes,
in the lines of her limbs
and the flow of her voice
there’s the glow of the sun and the snow of the moon:
a creature of night and a creature of noon.

Christina Egan © 2009


Im grasgrünen Kleid

Ich stehe am Fenster und schaue hinaus,
und niemand bemerkt mein bescheidenes Haus,
und niemand bemerkt mein grasgrünes Kleid,
und niemand bedauert mein aschgraues Leid.

Die Dämmerung wogt, und es rauscht der Verkehr.
Ich stehe und schaue. Und niemand schaut her.
Zuletzt ist es still, und es rauscht nur die Zeit.
Ich weine allein in mein grasgrünes Kleid.

Und einst werd ich fort sein und einst sogar tot,
und nur dieses Liedlein bezeugt meine Not:
Mein Kleid wie der Sommer, mein Haar wie der Herbst,
mein Leben, das niemand als du, Leser, erbst.

Christina Egan © 2016


The woman in the green dress stands for life, fertility, plenty, joy — like the Green Man or Green Woman of ancient pagan traditions, I suppose…

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Der letzte Tropfen

Der letzte Tropfen

Wein von der Farbe des Blutes, jedoch vom Dufte der Rosen,
Wein von des Abends Kühle, darauf von der Hitze des Herdes…
Halb nur bewußte Gebete murmelnd, vergieß’ ich das Opfer:
Göttern den ersten Tropfen, den letzten dem fernen Geliebten.
Unbekannt sind mir jene, nicht weniger fremd ist mir dieser,
marmornes Bildnis verborgen im Haine heiliger Pinien.
Glatt wie silberne Spiegel und pfeilgerade die Straßen,
welche das mächtige Rom über Sümpfe und Hügel geknüpft hat:
Dennoch führt nicht eine zum Ziel, zum Dache des andern,–
ewig harrt man allein, allein unter schweigenden Sternen.

Christina Egan © 2015

Roman mosaic of bottle and cup

Like every year, I begin this blog with a Roman road

The poem is written in hexametres, which I find difficult to emulate in English and German.

You can find another story with spilt wine and ancient roads, in the form of an English poem, at Quo vadis?.

 

Roman mosaic, Bardo Museum, Tunis.
Photograph: Christina Egan © 2014.

Verquer

Verquer

Garden furniture jumbled up by storm in front of old wooden shed.Ich schau auf die Straße:
Doch niemand kommt her.
Die Sonne ist prachtvoll,
die Wolken sind schwer.

Ich schau in den Garten:
Die Stühle sind leer.
Die Welt ist betörend,
die Welt ist verquer.

Und niemand, ach niemand
erahnt meinen Schmerz!
Das Leben – ein Schicksal?
Das Leben – ein Scherz?

Wie Weihrauch denn steige
mein Wort himmelwärts,
daß Gott sich mir neige
und wandle mein Herz.

Christina Egan © 2015

Photograph: Christina Egan © 2012.

 

 

traurige ernte / Funkenschlag

traurige ernte

purpurn häufen sich die trauben
äpfel rollen dick und gelb
unter meinen müden augen
neben meinem armen feld

unerwidert bleibt mein lächeln
meine tränen ungezählt
unbedeutend rinnt mein leben
und ich sterbe unvermählt

Christina Egan © 2011


Funkenschlag

Ich habe spät beim Wein gesessen
und in die Nacht hinausgedacht:
Ich werde ohne Erben sterben;
was hat mein Leben ausgemacht?

Ich habe nicht umsonst gelitten,
ich habe nicht umsonst gelacht:
Der Funkenschlag geschliff’ner Worte
hat oft schon Flammensprung entfacht.

Christina Egan © 2009


The first person is dejected in the belief that his or her life has not been fruitful; they feel lonely and poor, not necessarily in material terms. The second person is convinced that he or she has not  lived and suffered in vain: they made a difference through their words.

That successful person could be a politician or a novelist, for instance; but it does not matter, because everyone has made a difference to the world and has been irreplaceable. Our heirs are those who inherit our lives, whether in  money, property, things or in achievements, inventions, ideas.

Ich knabbre an Träumen

Ich knabbre an Träumen

I.

Ich knabbre an Träumen,
sie machen nicht fett,
sie machen den Mangel
an Leben nicht wett.

Sie füllen die Augen
mit flüchtigem Licht,
zerreißen das graue
Gewölk aber nicht.

Ich trinke Erinnrung
wie Tropfen von Gold
und spür’, wie die Zukunft,
die Zeit mir entrollt.

II.

Bundle of daffodils in front of a wooden fence in bright sunlight.

Ich klammre die Hände
um Murmeln aus Glas
und flüstere Wünsche
ins glitzernde Gras.

Die Murmeln sind tief
in den Taschen versteckt:
Noch nie hat ein Mensch
meine Träume entdeckt,

noch nie hat ein Freund
meine Träume geteilt,
am gläsernen bunten
Geäst sich erfreut.

III.

Es leuchten Narzissen
wie Sterne am Zaun,
wie stille Versprechen
im quellenden Raum.

Doch rinnt mit dem Regen
das Heute dahin…
Mir knistern wie Flammen
die Träume im Sinn,

wie blaßblaue Geister
und hellrote Glut –
O wehe den Menschen
mit Sehnsucht im Blut!

Christina Egan © 2012

Photograph: Christina Egan © 2017.

Warten ist der Winter

Warten ist der Winter

Warten ist der Winter, Warten
auf den endlich wieder starken
Glanz, der sanft ins Leben küßt,
was vor Gram verblichen ist.

Einsam ist der kleine Garten,
während Garben aller Farben
unter altem Laub und Moos
schlummern im verdorrten Schoß.

Hilflos ist das lange Darben
für den unbemerkten Garten:
hilflos, doch nicht hoffnungslos,
denn der Himmel ist sein Trost.

Christina Egan © 2012

Die Fluten der Stadt

Die Fluten der Stadt

I.

Vor meinem Fenster rauscht die späte Stadt
und glitzert auf im Vollmond, schwarzes Meer;
sie spült Millionen Menschen hin und her,
spielt Fangen, nimmermüd und nimmersatt.
In ihrem Brausen höre ich Willkommen
und lasse mich auf ihren Wellen treiben.
Die Sternbilder der Leuchtreklamen schreiben
sich unter meine Lider… schon zerronnen.
Und nie allein: weil ich alleine bin,
zu Haus im selben Sehnsuchtsleitmotiv
wie jeder andre aufgewühlte Sinn.
Was immer schon in meinen Gliedern schlief,
schäumt ungebärdig zu den Sternen hin:
Ich will dich, will dich wild und meerestief.

II.

Auf vielen Brücken stand ich, ausgespannt
von Stahl und Stein an Themse, Rhein und Main,
und unter allen Himmeln stets allein:
stets einem Unsichtbaren zugewandt.
Es wandeln ja mit jedem neuen Strand
die Menschen wie die Häuser ihr Gesicht,
erstehen anders schon im Morgenlicht;
und immer wieder scheint mir eins verwandt.

Die Fluten wechseln – braun, blau, grau und grün –
die Augen ebenso, die mich gebannt,

sie füllen meine Augen – und entfliehn.
Doch deine, die ich nur von ferne fand,
die kaum mich streiften, seh ich weitersprühn…
Und ihre Farbe hab ich nie gekannt.

Christina Egan © 1995 / 1996

Black and white panorama of London skyline from a Thames bridge, with another bridge, boats, skyscrapers, St Paul's.

London. Photograph: Christina Egan © 2014


The narrator looks for love amidst the masses of the big city by the big river, where the star constellations consist of neon advertisements. She or he adores someone whom she has only seen from afar so that she does not even know the colour of his or her eyes.

Each sonnet makes a paradoxical statement about loneliness: This person is never lonely because many other people in this city share her loneliness; and she is always lonely because she is in the presence of a beloved one who is absent.