Burgberg

Burgberg

I.

Aus dem Nebel tauchen Mauern, scharlachumrankt –
ein Hauch auf der Haut, ein Traum gegen Morgen.

Der Burgberg, ein Eswareinmal,
das sich eine Auferstehung ertrotzt.

Deine Stimme, eine schwingende Brücke,
golden und lockend und unbetretbar.

Dein Gesicht, von den Jahren klarer geschnitzt,
das ich lesen will, lange, wie deine Stadt –

II.

Und wieder Laubhaufen, knöchelhoch, kniehoch,
Nebelschwaden, als wanderte man durch Wolken.

Dem ungreifbaren Weiß enttaucht ein Spitzbogen,
ein Tor: Es führt nirgendwohin.

Der neben einem geht, mit einem redet,
bleibt schemenhaft. Vielleicht ist er ein Traum.

Und wieder November. Dreißig Sommer
entblätterten sich in den Wind, in den Wind.

Christina Egan © 2001 (I) / 2017 (II)

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The Mooness Grows / Die Mondin rollt

The Mooness Grows

The Mooness grows: she’s almost round.
She steps out of a wooded mound.
She knows:
The sea will swell, the sap will well,
a thousand creatures will give birth.
The earth
is restless, waiting for Queen Moon
and for King Sun to round her girth,
her life.
The fruit is red, the fruit is ripe.
The Mooness strews her silent spell:
She glows.

Christina Egan © 2016


Die Mondin rollt

Die Mondin rollt, ein Bronzegong,
vom vielgezackten Horizont
das königsblaue Rund empor.
Ihr hoheitsvoller Ruf erschallt,
bis alles bebend widerhallt
in Stein und Blatt, in Bein und Ohr.

Noch einmal steigt, noch einmal loht
nach Mittagsglut und Abendrot
des vollen Sommers Vollmondschein.
Der Bronzegong um Mitternacht
hat neues Leben angefacht
in Ohr und Bein, in Blatt und Stein.

Christina Egan © 2016


These two poems about the ‘Mooness’ are very similar (and written at the same time) but not translations of each other.

In Greek and Latin, the moon is linguistically and mythologically female, and we should have such a word in English and German.

As a woman, I feel instinctively related to the powerful moon and all life cycles — irrespective of reproductive capacity or activity.

geh aus mein herz

geh aus mein herz

die braunen bauklotzhäuser
mit farbenkastentüren
die weißen blütenkelche
die sich versonnen rühren

im wind aus samt und seide
die schweren purpurrosen
in Salomonis kleide
die deine finger kosen…

der sommer will dich füllen
die erde lädt dich ein
zu laufen und zu schaffen
zu schauen und zu
sein

Christina Egan © 2011


Salomonis Seide

In Purpur zog der Kaiser einst,
in Scharlachrot der Kardinal,
in Violett die Kaiserin
in einen grüngeschmückten Saal.

So prunken die Geranien
in ihrer Sommerprozession
und rufen in das Gartenrund:
“Wir übertrumpfen Salomon!”

Christina Egan © 2014


The appeal ‘Go out and seek joy’ and the metaphor of King Solomon’s silk are taken from the jubilant hymn and folksong Geh aus, mein Herz, und suche Freud, written by Paul Gerhardt in the middle of the 17th century.

The houses in uniform dull colours with front doors in different bright colours are typical for London. So are the little private gardens with geraniums.

The first poem is contemplative and intense, the second one humorous and light. The last line of the first poem is cut up on purpose: to let the word ‘to be’ resound on its own.


For an English poem about the pageant of summer see Lilac and Lime.

 

Auf dem Riesenrad

Auf dem Riesenrad

Es ruht auf kahlen Wänden
in unserm Rumpelzimmer
und auf verschränkten Händen
ein sonnenroter Schimmer.
Macht das bloß die Gardine,
macht das ein Rosenhimmel?
Ist dies die Holzkabine
hoch überm Stadtgetümmel?
Ach, sei es hingeschrieben
ganz ohne Wortgeflimmer:
Ich will dich immer lieben.
Ich wollte es schon immer.

Christina Egan © 2008

Red wooden cabins on an old ferris-wheel, against a blue and white sky.The old ferris-wheel in Vienna is the one in this poem and in We Married on the Ferris-Wheel.

Photograph: In luftiger Höhe  by Otto Domes (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons.

Under the Blue Bloom of the Tree

Under the Blue Bloom of the Tree

Under the blue bloom of the tree,
O little mouse, I buried thee.
I heard thee often run until
I saw thee lying, small and still.
So high the sky, so late the light
ascending to midsummernight…
The deep warm earth is now thy bed,
with snow-white petals for a spread.
Fresh spikes of lavender I chose
and last, a minuscule red rose.
Tonight, the ceanothus tree
will scatter sky-blue dust on thee.

Christina Egan © 2017

White and coloured petals on the ground, beneath ceanothus and carnation.

The mouse grave in the poem. Photograph: Christina Egan © 2017.

Haltbare Rose

Haltbare Rose

Wenn ich mit einer Rose um dich würbe,
gewölbt, gefüllt, gedrängt und überfließend,
mit ihrer Gegenwart den Raum versüßend,
so wüßte ich, daß sie im Nu dir stürbe.
Und wenn ihr eine Faserblume gliche,
burgunderrot und makellos gewoben,
so wäre sie zwei Jahre todenthoben
und höchstens drei, bevor sie ganz verbliche.
Und wenn ich eine Bronzeblume fände,
so wäre doch ein Feuersturm ihr Ende,
in dem ihr unverrückter Glanz verglühe.
Ich schicke dir statt aller dieser Rosen
nur dies Gedicht, das deine Lippen kosen,
auf daß es bis zum Jüngsten Tage blühe.

Christina Egan © 2016

Advert reading "Long lasting flowers: Infinity Roses: 2-3 Jahre haltbar".This sonnet was inspired by an advertisement in a shop window: ‘Infinity Roses’, guaranteed to last two to three years. I found this hilarious: most love stories, which one naturally believes to be forever, last at most that long. Then they get cast away just like an artificial rose.

My idea was that a real flower lasts only a few days; an imitation of fabric or plastic (the German word leaves the material open) lasts only a few years; and even a sculpture of bronze might perish in a fire one day. A poem, however, may outlive them all! (The question whether the love will outlive them all remains.) Instead of kissing the poet, the beloved one turns the lines of the poem over on his or her lips. Well, that’s something at least…


Noch immer blühend

Ich lieb’ dich insgeheim schon seit drei Jahren,
was eine ungeheure Leistung ist –
von dir, der du noch immer blühend bist!
Ich bin berückt, und niemand darf’s erfahren.
Man will ja auch nichts Falsches offenbaren:
Ich liebe dich schon seit drei Jahren halb,
das macht dann immerhinque anderthalb.
Man muß zuweilen mit der Neigung sparen.
Wir sind sogar persönlich schon bekannt.
Zählst du wohl auch…? Drei Stunden insgesamt!
Drei Meter nur, dann einen Meter fort –––
Ich schicke, Liebster, dir zum Unterpfand
Nur eine rote Rose durch das Land:
Schau auf, steh auf und küß mich ohne Wort.

Christina Egan © 2017


This sonnet takes up the thought of Haltbare Rose in a satirical fashion: The woman has been in love with the man for three years already – but only half, which she counts as one-and-a half years!

Photograph: Shop window in Berlin. Christina Egan © 2016.

Der letzte Tropfen

Der letzte Tropfen

Wein von der Farbe des Blutes, jedoch vom Dufte der Rosen,
Wein von des Abends Kühle, darauf von der Hitze des Herdes…
Halb nur bewußte Gebete murmelnd, vergieß’ ich das Opfer:
Göttern den ersten Tropfen, den letzten dem fernen Geliebten.
Unbekannt sind mir jene, nicht weniger fremd ist mir dieser,
marmornes Bildnis verborgen im Haine heiliger Pinien.
Glatt wie silberne Spiegel und pfeilgerade die Straßen,
welche das mächtige Rom über Sümpfe und Hügel geknüpft hat:
Dennoch führt nicht eine zum Ziel, zum Dache des andern,–
ewig harrt man allein, allein unter schweigenden Sternen.

Christina Egan © 2015

Roman mosaic of bottle and cup

Like every year, I begin this blog with a Roman road

The poem is written in hexametres, which I find difficult to emulate in English and German.

You can find another story with spilt wine and ancient roads, in the form of an English poem, at Quo vadis?.

 

Roman mosaic, Bardo Museum, Tunis.
Photograph: Christina Egan © 2014.