die unterseite der ahornblätter

die unterseite
der ahornblätter

die unterseite
der ahornblätter
zu entziffern
bin ich bestellt

die verästelungen
der äderchen
die lebenslinien
und altersflecken

pergament
durchsichtig
gegen das licht
liebesgedichte

bettlerschalen
dankbar und demütig
bischofskelche
frohgemut hochgemut

die unterseite
der ahornblätter
zu besingen
bin ich geboren

Christina Egan © 2019

Die Unterseite der Möwenflügel

Die Unterseite der Möwenflügel
läßt mich die sinkende Sonne erahnen,
das ragende Raster der Fensterspiegel
darf mir ihr blendendes Angesicht rahmen!

Dies ist die Kreuzung voll Hast und Getöse,
Räder und Füße wie wirbelndes Laub,–
dies ist der Augenblick, den ich erlese,
Blitzen und Blinzeln im zehrenden Staub.

Christina Egan © 2019

Rosenquarzkammern

Rosenquarzkammern

Silberblech, angehaucht
Von allen Winden, schiefergrau
Und goldgekräuselt, rollt aus
Sich die See, bis sie
Des anderen Landes Füße berührt,
Die Türme der Stadt gegenüber.

Durch Rosenquarzkammern
Schimmert der sinkende Tagstern,
Reißt gleißend das Tor auf.

Den weißen Schiffen aber
Gleich menschentragenden Möwen
Folget das Auge hinaus,
Folget das Herz hinüber
Und wünschet sich Brücken,
Aus silbernen Fäden gesponnen,
Geknüpft über Wogen und Wald…

Christina Egan © 2017

Shimmering, milky, rosy piece of rock, resembling the sea at sunset.

This is the view onto the Öresund bridge which connects two countries, Denmark and Sweden, although it turns into a tunnel in the midst of the water, so that it seems to go under… The style of the poem is that of two hundred years ago, when such long bridges could not yet be constructed; the speaker only wishes for roads across, instead of the sea itself as a path.

I tried to convey the expansion of the elements and the symphony of grey, white, silver, golden, pink.

You can read English poems about a suspension bridges at On the Orange Bridge (San Francisco) and Tranquil Dragon (London).

Photograph of raw rose quarz by Ra’ike [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons.

Fluchtlinien

Fluchtlinien

Ich bin relativ normal.

Ich trage normal verrückte Klamotten
und subventionierte Brillengestelle.
Ich prüfe mit Mühe die Reife der Avocados
und wehre mich nicht gegen Rostbratwurst.

Ich steige beinahe rechtzeitig in den Bus
und steige am richtigen Bahnhof um.
Ich sitze am Bildschirm und tippe.
Ich gieße die Dickblattgewächse im Büro.

Ich kaufe die richtigen Zeitungen
und entsorge sie ordnungsgemäß.
Ich gehe auf die richtigen Demos
und brülle ein bißchen herum.

Ich rede von Konflikt und Diskurs
und folge den Regeln der Republik.
Ich sitze am Bildschirm und tippe.
Ich gieße die Dickblattgewächse im Büro.

Ich buche das Zimmer mit Seeblick
und Reiserücktrittsversicherung,
ich recherchiere die Sonnencreme
und die regionale Sozialgeschichte.

Ich wirke normal; es gibt Zeugen.

Und die ganze Zeit, die ganze lange Zeit
lebe ich entlang der unsichtbaren Linien
auf den Fluchtpunkt deiner Gestalt,
deines Lächelns, deiner Lippen.

Als käme darauf alles an.

Ich renne den Strand entlang,
wild wie der Wellenschlag,
ich werfe deinen Namen in den Wind
mit den Schreien der Möwen.

Aber nur, wenn mich niemand hört.

Ich schreibe Verse über Sommerwolken
und Schwäne zwischen den Wellenkämmen
und Orgelklänge und Engel vielleicht
und dann noch ein paar Obdachlose.

Aber eigentlich suche ich nur dich.

Christina Egan © 2018

White sandy beach, deep blue water and sky; German beach chairs in the foreground; two swans in the surf.

The first part of the poem is a portrait of normal and politically correct behaviour: healthy diet, regular work, keeping pot-plants, recycling waste, joining in demonstrations, and so forth.

Woman standing on sandy beach, in a blue-and-white striped dress, with a heart motif on her chest.The second part reveals the inner world of the same ordinary citizen, passionate and unreasonable: secretly in love with someone far away… and writing verse about clouds and swans.

The title has a double meaning: ‘vanishing lines’ and ‘flight lines’, as in ‘escape routes’.


Beach of Świnoujście (Swinemünde) on the Baltic Sea, complete with the hooded beach chairs typical of Germany and the swans which live in the estuary. – Photographs: Christina Egan © 2017.