Der Sommer verglüht

Der Sommer verglüht

Der Sommer verglüht
in Purpur, Gold und Lapislazuli.

Die Straße erhebt sich
wie ein Tempel der Vorzeit.

Die Dinge sind rund und reif,
getränkt mit Regen, gesättigt mit Licht.

Feuchtes Gras flammt grün,
üppiges Moos überkleidet den Stein.

Wie Weihrauch steigt
der weiche Atem des Lavendel.

Die Wolken gleißen, gleiten,
Flotte ins offene Blau.

Brüchiger Backstein, zerknitterndes Laub:
Altes blättert ab, zerfällt in tausend Brauns.

Herbst, Kelter des Jahres,
Zeit, Fest der Verwandlung.

Christina Egan © 2001

A very descriptive and colourful poem with a philosophical note:

“Autumn: wine-press of the year.
Time: feast of transformation.”

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Ich knabbre an Träumen

Ich knabbre an Träumen

I.

Ich knabbre an Träumen,
sie machen nicht fett,
sie machen den Mangel
an Leben nicht wett.

Sie füllen die Augen
mit flüchtigem Licht,
zerreißen das graue
Gewölk aber nicht.

Ich trinke Erinnrung
wie Tropfen von Gold
und spür’, wie die Zukunft,
die Zeit mir entrollt.

II.

Bundle of daffodils in front of a wooden fence in bright sunlight.

Ich klammre die Hände
um Murmeln aus Glas
und flüstere Wünsche
ins glitzernde Gras.

Die Murmeln sind tief
in den Taschen versteckt:
Noch nie hat ein Mensch
meine Träume entdeckt,

noch nie hat ein Freund
meine Träume geteilt,
am gläsernen bunten
Geäst sich erfreut.

III.

Es leuchten Narzissen
wie Sterne am Zaun,
wie stille Versprechen
im quellenden Raum.

Doch rinnt mit dem Regen
das Heute dahin…
Mir knistern wie Flammen
die Träume im Sinn,

wie blaßblaue Geister
und hellrote Glut –
O wehe den Menschen
mit Sehnsucht im Blut!

Christina Egan © 2012

Photograph: Christina Egan © 2017.

gesternmuster / Zeit-Räume

A dozen beads of gold, lapis lazuli, cornelian.gesternmuster
(Knossos)

die kolossalen säulen
der stolzen pinien
jener erhabene baldachin
der schutz vor der sonnenflut bietet

die schwarzen weißen blutroten pfeiler
im heiteren palastlabyrinth
jene flecke in einem gesternmuster
das jahrtausendealt ist

Christina Egan © 2016

This is a translation of The pattern of a yesterday . At that post, you can find some photos and a link to an artistic impression of the palace 3,500 years ago.

Photograph: Minoan beads from Crete in gold, lapis lazuli, cornelian, ca. 1700-1500 BC. – © The Trustees of the British Museum.

Zeit-Räume
(Knossos)

Terrassen, Treppen, rote Säulen
zwischen himmelhohen Bäumen,
Marmorschwellen, rote Wände,
um die Ecken neue Treppen…

Wie im Traume muß man wandern
durch die Höfe, durch die Säle,
durch die Wärme, durch die Kühle,
still von einem Raum zum andern…

Schlanke Bäume, schlanke Menschen
stehn vor heitrem Himmel drinnen
in den buntbemalten Zimmern
heute wie vor tausend Jahren.

Keine Läden vor den Fenstern,
in den Türen keine Flügel,
keine Grenzen zwischen Innen,
Außen, Unten oder Oben,

keine Pforten zwischen Heute,
Gestern oder Vorvorgestern
zwischen einem bunten Zeit-Raum
unter Pinien und dem andern.

Christina Egan © 2016

Am Rad der Weltgeschichte

Ich möcht am Rad der Weltgeschichte stehn

Ich möcht am Rad der Weltgeschichte stehn
Und eine Nacht beharrlich rückwärts drehn
Das Telefon zerfällt in deiner Hand
Der Flachbildschirm entgleitet deiner Wand
Das Internet verweht wie bunter Rauch
Die Rapmusik verebbt im Morgenhauch
Durchs Weltall stürzen Sonden zu uns her
Die schwarze Fahne rutscht vom Schießgewehr
Palmyra schüttelt sich aus Schutt und Sand
Manhattans Splitter fügen sich zum Band

Und wenn die Mauer aus dem Staube steigt
Dann halt ich an – und die Geschichte schweigt

Dann geh ich aus und such und finde dich
Und nichts und niemand hält und hindert mich

Der Rest darf weiterrasseln wie zuvor
Die Mauer stürzt es platzt das Wüstentor
Die rote Fahne sinkt die schwarze steigt
Und Pluto wird gefilmt und Mars erreicht
Das Internet wird um die Welt gespannt
Der Bildschirm schrumpft in deine hohle Hand
Doch mitten in des Lebens Wirbelsturm
Stehn du und ich wie jener Doppelturm

Zweitausendfünfzehn schrieb ich dir dies Lied
Denn ich bin müde und die Zeit entflieht

Christina Egan © 2015

The narrator imagines that he or she can turn back the wheel of history.

Tiny hand-held telephones, huge television screens, and the whole internet dissolve; one after the other, the Arch of Palmyra, the Twin Towers, and the Berlin Wall rise from the debris.

Then the person stops history to find the beloved one this time round and live a new life together, while everything else rolls on as before: the monuments fall, the internet rises, till we arrive back in 2015.

These lines could be developed into a rock song. I imagine hard music which grows more intense until it stops when history stops!

Nonnenkloster

Nonnenkloster

Initial of mediaeval manuscript, filled with monks and nuns singing from such a missal on a lectern above them; in gold and bright red, blue and green

Schneegleich
steigt Schweigen
aus den steilen Wänden,
aus den gefalteten Händen,
den vornübergeneigten Schleiern.
Und doch ist alles ein Feiern,
als sei, wenn es schneit,
ein Staub von Gold
über die Gärten gestreut…

Zeit, Zeit
tickt hier laut
in den langen dunklen Uhren,
in den blankbefliesten Fluren,
weil die Ewigkeit
sie so beschwert
wie Wasser eine weiße Schüssel.
Und jeder geschmiedete Schlüssel,
der gegen ein Gitter klappert,
klingt
wie ein Versprechen,
das Gott nicht brechen will.

Sunlit walled flower garden with sturdy stone cross in corner

Es singt
am Rasenrand
der Schneeglöckchenchor,
ein besticktes Band.

Und jede ungeschmückte Wand
durchdringt
das goldne Schweigen
wie der Frühlingssonne sanfte Hand.

Christina Egan © 2006

I owe this overpowering experience of peaceful silence to the Carmelite monasteries of London (Most Holy Trinity) and Cologne (Maria vom Frieden), which are based on a philosophy of shared “silence and solitude”.

Photographs:
Liturgical book for Eastertide (1450s).
Sailko via Wikimedia Commons. —
Nunnery garden, hidden in the midst of a big city. Christina Egan © 2014

Anaconda, Anaconda

Anaconda, Anaconda

Slowly slides the anaconda,
through the thicket, through the grass,
undulating, scintillating,
like a rope of murky glass,
ochre and opaque and glinting,
like a river without name,
or a mountain-range in motion,
powered by a hidden flame.

Such a swerving, sparkling serpent
is the history of man,
each millennium of suffering
but a patch or pattern’s span
and each life of toil and longing
but a gold-rimmed muddy scale,
heaving, weaving through the jungle,
seeing neither head nor tail.

Christina Egan © 2015

Massive stone walls piled upon each other

The Tower of Jericho, around 9,000 years old. Photograph:
Reinhard Dietrich (Own work), via Wikimedia Commons
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