Weißer Schnee auf weißen Rosen

Weißer Schnee auf weißen Rosen

Wie die grauen Gänse zogen
Mit dem schneegeladnen Wind
Sind die Jahre uns entflogen
Erst gemächlich dann geschwind

Wie die Flocken niedertaumeln
Daß die Welt zu Weiß gerinnt
deckt die Zeit die bunten Träume
Erst gemächlich dann geschwind

White rose, pink buds, hawthorns, all covered by melting snow.Stehst auch du am stillen Fenster?
Rührt der wilde Schnee auch dich?
Haschst auch du noch Luftgespinste?
Denkst auch du noch stets an mich?

Blumenflammen sind vergangen
Und die Welt wird farbenblind
Niemals hab ich dich umfangen
Niemals gab ich dir ein Kind

Wilder Schnee: ein stummes Tosen
In dem strengen reinen Wind
Weißer Schnee auf weißen Rosen
Erst gemächlich dann geschwind

Christina Egan © 2017

White snow melting on white roses.
Photograph: Christina Egan © 2017.

This is the first of two love songs which could stand alone or be sung by a woman and a man — from opposite ends of a stage or hall, though…

In White snow on white roses, the first person confesses she (or he) still secretly wishes they had got together a long time ago, and wonders if her friend feels the same.

In White snow on red roses, the second person reveals that he (or she), too, has longed for this relationship all along, but he never lets his friend know… not now either.

Each of them sings into the wind, into the snow… The ‘years that flew away’ like the wild geese in the first poem and the ‘late buds surprised’ by the snow in the second poem show that the pair are at a later stage of life.

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Burgberg

Burgberg

I.

Aus dem Nebel tauchen Mauern, scharlachumrankt –
ein Hauch auf der Haut, ein Traum gegen Morgen.

Der Burgberg, ein Eswareinmal,
das sich eine Auferstehung ertrotzt.

Deine Stimme, eine schwingende Brücke,
golden und lockend und unbetretbar.

Dein Gesicht, von den Jahren klarer geschnitzt,
das ich lesen will, lange, wie deine Stadt –

II.

Und wieder Laubhaufen, knöchelhoch, kniehoch,
Nebelschwaden, als wanderte man durch Wolken.

Dem ungreifbaren Weiß enttaucht ein Spitzbogen,
ein Tor: Es führt nirgendwohin.

Der neben einem geht, mit einem redet,
bleibt schemenhaft. Vielleicht ist er ein Traum.

Und wieder November. Dreißig Sommer
entblätterten sich in den Wind, in den Wind.

Christina Egan © 2001 (I) / 2017 (II)

The Green Dress / Im grasgrünen Kleid

The Green Dress

This green, this green! The purest of greens,
the softest of silk, the smoothest of greens!
It’s mellow and creamy –
and glossy and hard –
it’s distant and dreamy –
and sudden and sharp –
It’s got all the earth in it, fields in full plume,
the glow of the sun and the snow of the moon!
There’s birch in it, ivy –
there’s lemon and lime –
and oceans and icebergs –
and olives and pine –
And the lady beneath the shimmering screen
bears the soul of the earth in the secret of green!
In the gold of her hair
and the blue of her eyes,
in the lines of her limbs
and the flow of her voice
there’s the glow of the sun and the snow of the moon:
a creature of night and a creature of noon.

Christina Egan © 2009


Im grasgrünen Kleid

Ich stehe am Fenster und schaue hinaus,
und niemand bemerkt mein bescheidenes Haus,
und niemand bemerkt mein grasgrünes Kleid,
und niemand bedauert mein aschgraues Leid.

Die Dämmerung wogt, und es rauscht der Verkehr.
Ich stehe und schaue. Und niemand schaut her.
Zuletzt ist es still, und es rauscht nur die Zeit.
Ich weine allein in mein grasgrünes Kleid.

Und einst werd ich fort sein und einst sogar tot,
und nur dieses Liedlein bezeugt meine Not:
Mein Kleid wie der Sommer, mein Haar wie der Herbst,
mein Leben, das niemand als du, Leser, erbst.

Christina Egan © 2016


The woman in the green dress stands for life, fertility, plenty, joy — like the Green Man or Green Woman of ancient pagan traditions, I suppose…

Der Sommer verglüht

Der Sommer verglüht

Der Sommer verglüht
in Purpur, Gold und Lapislazuli.

Die Straße erhebt sich
wie ein Tempel der Vorzeit.

Die Dinge sind rund und reif,
getränkt mit Regen, gesättigt mit Licht.

Feuchtes Gras flammt grün,
üppiges Moos überkleidet den Stein.

Wie Weihrauch steigt
der weiche Atem des Lavendel.

Die Wolken gleißen, gleiten,
Flotte ins offene Blau.

Brüchiger Backstein, zerknitterndes Laub:
Altes blättert ab, zerfällt in tausend Brauns.

Herbst, Kelter des Jahres,
Zeit, Fest der Verwandlung.

Christina Egan © 2001

A very descriptive and colourful poem with a philosophical note:

“Autumn: wine-press of the year.
Time: feast of transformation.”

Ich knabbre an Träumen

Ich knabbre an Träumen

I.

Ich knabbre an Träumen,
sie machen nicht fett,
sie machen den Mangel
an Leben nicht wett.

Sie füllen die Augen
mit flüchtigem Licht,
zerreißen das graue
Gewölk aber nicht.

Ich trinke Erinnrung
wie Tropfen von Gold
und spür’, wie die Zukunft,
die Zeit mir entrollt.

II.

Bundle of daffodils in front of a wooden fence in bright sunlight.

Ich klammre die Hände
um Murmeln aus Glas
und flüstere Wünsche
ins glitzernde Gras.

Die Murmeln sind tief
in den Taschen versteckt:
Noch nie hat ein Mensch
meine Träume entdeckt,

noch nie hat ein Freund
meine Träume geteilt,
am gläsernen bunten
Geäst sich erfreut.

III.

Es leuchten Narzissen
wie Sterne am Zaun,
wie stille Versprechen
im quellenden Raum.

Doch rinnt mit dem Regen
das Heute dahin…
Mir knistern wie Flammen
die Träume im Sinn,

wie blaßblaue Geister
und hellrote Glut –
O wehe den Menschen
mit Sehnsucht im Blut!

Christina Egan © 2012

Photograph: Christina Egan © 2017.

gesternmuster / Zeit-Räume

A dozen beads of gold, lapis lazuli, cornelian.gesternmuster
(Knossos)

die kolossalen säulen
der stolzen pinien
jener erhabene baldachin
der schutz vor der sonnenflut bietet

die schwarzen weißen blutroten pfeiler
im heiteren palastlabyrinth
jene flecke in einem gesternmuster
das jahrtausendealt ist

Christina Egan © 2016

This is a translation of The pattern of a yesterday . At that post, you can find some photos and a link to an artistic impression of the palace 3,500 years ago.

Photograph: Minoan beads from Crete in gold, lapis lazuli, cornelian, ca. 1700-1500 BC. – © The Trustees of the British Museum.

Zeit-Räume
(Knossos)

Terrassen, Treppen, rote Säulen
zwischen himmelhohen Bäumen,
Marmorschwellen, rote Wände,
um die Ecken neue Treppen…

Wie im Traume muß man wandern
durch die Höfe, durch die Säle,
durch die Wärme, durch die Kühle,
still von einem Raum zum andern…

Schlanke Bäume, schlanke Menschen
stehn vor heitrem Himmel drinnen
in den buntbemalten Zimmern
heute wie vor tausend Jahren.

Keine Läden vor den Fenstern,
in den Türen keine Flügel,
keine Grenzen zwischen Innen,
Außen, Unten oder Oben,

keine Pforten zwischen Heute,
Gestern oder Vorvorgestern
zwischen einem bunten Zeit-Raum
unter Pinien und dem andern.

Christina Egan © 2016

Am Rad der Weltgeschichte

Ich möcht am Rad der Weltgeschichte stehn

Ich möcht am Rad der Weltgeschichte stehn
Und eine Nacht beharrlich rückwärts drehn
Das Telefon zerfällt in deiner Hand
Der Flachbildschirm entgleitet deiner Wand
Das Internet verweht wie bunter Rauch
Die Rapmusik verebbt im Morgenhauch
Durchs Weltall stürzen Sonden zu uns her
Die schwarze Fahne rutscht vom Schießgewehr
Palmyra schüttelt sich aus Schutt und Sand
Manhattans Splitter fügen sich zum Band

Und wenn die Mauer aus dem Staube steigt
Dann halt ich an – und die Geschichte schweigt

Dann geh ich aus und such und finde dich
Und nichts und niemand hält und hindert mich

Der Rest darf weiterrasseln wie zuvor
Die Mauer stürzt es platzt das Wüstentor
Die rote Fahne sinkt die schwarze steigt
Und Pluto wird gefilmt und Mars erreicht
Das Internet wird um die Welt gespannt
Der Bildschirm schrumpft in deine hohle Hand
Doch mitten in des Lebens Wirbelsturm
Stehn du und ich wie jener Doppelturm

Zweitausendfünfzehn schrieb ich dir dies Lied
Denn ich bin müde und die Zeit entflieht

Christina Egan © 2015

The narrator imagines that he or she can turn back the wheel of history.

Tiny hand-held telephones, huge television screens, and the whole internet dissolve; one after the other, the Arch of Palmyra, the Twin Towers, and the Berlin Wall rise from the debris.

Then the person stops history to find the beloved one this time round and live a new life together, while everything else rolls on as before: the monuments fall, the internet rises, till we arrive back in 2015.

These lines could be developed into a rock song. I imagine hard music which grows more intense until it stops when history stops!