Wer schaut (Wer lauscht)

Wer schaut

Wer schaut,
sieht, wie die seltenen Wolken ziehen,
über die Firste entfliehen,
und dann, wie der Himmel blaut.
Bloß blaut.

Wer lauscht,
hört die stumme Amsel
das heiße trockene Gras durchstreifen
und den seltenen Wind sich erheben,
wie er die blühenden Büsche bauscht.

Tall purple verbena with two white butterflies, one sitting, one flying, with its wings spread out.Wer lauscht,
hört die Schwalben pfeifen
und weiß, daß die Heiterkeit
noch eine Zeit bleibt
vor dem Herbst.

Wer schaut,
sieht die Blaubeeren reifen
im selben sommersatten Rotviolett
wie das ragende Eisenkraut…
und auf dem matten Blaubeerlaub
den winzigen flatternden Schatten
und dann den wolkenweißen
Schmetterling selbst.

Wer lauscht,
schweigt
in ein leuchtendes Schweigen hinein.

Wer schaut,
begreift
und darf sein.

Christina Egan © 2018

Garden with a few colourful flowers and berries in the foreground.

Photographs: Christina Egan © 2013 (butterflies) / © 2014 (garden).

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alles ist möglich / der kieselstein

Large astronomical clock with two blue and golden dials in wooden frame.

alles ist möglich

nicht alles ist glücklich
nicht alles ist richtig
doch alles ist wirklich
und alles ist wichtig

nicht alles ist füglich
nicht alles ist fertig
doch alles ist möglich
und schon gegenwärtig

Christina Egan © 2011

der kieselstein

gesucht für dich, für dich gefunden
hab’ ich den kleinen kieselstein,
den beinah weißen, beinah runden
voll stille und voll sonnenschein.

ich hab’s dem schicksal abgerungen,
ein maßgeschneidertes stück glück:
nur drei verwunschen dunkle stunden,
aufblitzend einen augenblick.

Christina Egan © 2011

Marienkirche, Lübeck, Germany.
Photograph: Christina Egan © 2014.

 

 

Yellow Fire (April Haiku)

Yellow Fire
(April Haiku)

*

Little rust-red leaves,
no, blood-red in the sunlight,
there, throbbing with life!

*

White stars are floating,
above the ancient tombstones,
on the slanting tree.

*

Little lime-green leaves
running along the hedges,
look, like yellow fire!

*

Christina Egan © 2017

Drawing of three old-fashioned spinning tops.Illustration from
‘Children’s games throughout the year’ 
(1949) by Leslie Daiken.

Weißer Schnee auf roten Rosen

Weißer Schnee auf roten Rosen

Graue Gänse, grauer Himmel
Stumme Stämme um den Teich
Ungewohntes weißes Flimmern
Und ein Schimmern im Gesträuch

Weißer Schnee auf roten Rosen
Hingesunken über Nacht
Stengel von der Last gebogen
Späte Knospen überrascht

Glowing roses, golden with red rims, standing in thick snow amongst bare trees.Weißer Schnee auf bunter Mütze
Und dein Lachen wie Gesang
Häherschrei von Tannenspitze
Glockenruf minutenlang

Weißer Schnee auf roten Rosen
Weißer Hauch auf rotem Mund
Ja, auch ich hab dich erlesen
Niemals tat ich es dir kund

Erster Schnee auf grauen Gänsen
Jede Flocke wie ein Stern
Weißer Schnee auf roten Rosen
Und ich weiß: Du hast mich gern

Christina Egan © 2017

White snow melting on red roses.
Photograph: Christina Egan © 2017.

This is the second of two love songs which could stand alone or be sung by a woman and a man — from opposite ends of a stage or hall, though…

In White snow on white roses, the first person confesses she (or he) still secretly wishes they had got together a long time ago, and wonders if her friend feels the same.

In White snow on red roses, the second person reveals that he (or she), too, has longed for this relationship all along, but he never lets his friend know… not now either.

Each of them sings into the wind, into the snow… The ‘years that flew away’ like the wild geese in the first poem and the ‘late buds surprised’ by the snow in the second poem show that the pair are at a later stage of life.

Weißer Schnee auf weißen Rosen

Weißer Schnee auf weißen Rosen

Wie die grauen Gänse zogen
Mit dem schneegeladnen Wind
Sind die Jahre uns entflogen
Erst gemächlich dann geschwind

Wie die Flocken niedertaumeln
Daß die Welt zu Weiß gerinnt
deckt die Zeit die bunten Träume
Erst gemächlich dann geschwind

White rose, pink buds, hawthorns, all covered by melting snow.Stehst auch du am stillen Fenster?
Rührt der wilde Schnee auch dich?
Haschst auch du noch Luftgespinste?
Denkst auch du noch stets an mich?

Blumenflammen sind vergangen
Und die Welt wird farbenblind
Niemals hab ich dich umfangen
Niemals gab ich dir ein Kind

Wilder Schnee: ein stummes Tosen
In dem strengen reinen Wind
Weißer Schnee auf weißen Rosen
Erst gemächlich dann geschwind

Christina Egan © 2017

White snow melting on white roses.
Photograph: Christina Egan © 2017.

This is the first of two love songs which could stand alone or be sung by a woman and a man — from opposite ends of a stage or hall, though…

In White snow on white roses, the first person confesses she (or he) still secretly wishes they had got together a long time ago, and wonders if her friend feels the same.

In White snow on red roses, the second person reveals that he (or she), too, has longed for this relationship all along, but he never lets his friend know… not now either.

Each of them sings into the wind, into the snow… The ‘years that flew away’ like the wild geese in the first poem and the ‘late buds surprised’ by the snow in the second poem show that the pair are at a later stage of life.

Beginenhof in Ghent

Beginenhof in Ghent

wie finde ich sie wieder
die reihen schwarzer türen
die zu den treppengiebeln
und tulpenbäumen führen

Gate into cobblestone lane with white walls, black doors, and red buildings behind.wie kann ich sie entdecken
die schlichten weißen mauern
die um erblühnde hecken
und rote häuser dauern

gewunden sind die gassen
versperrt von breiten flüssen
geborsten ist das pflaster
und meine schuh zerschlissen

wo nisten die gestalten
in schwarz und weißen trachten
wie hundert flinke schwalben
über den grauen grachten

wo sind die schönen schriftzüge
die weiß auf schwarz verkünden
die heiligen drei könige
wärn manchmal anzufinden

wie finde ich sie wieder
die schweren blanken türen
die durch bestirnte lieder
ins glühnde schweigen führen

Christina Egan © 2018

Two heavy black wooden doors in a white brick wall, with inscriptions as below.

“House of the Three Wise Men” (Three Holy Kings, in other languages) and “House Jesus, Mary, Joseph” at a former Beguinage in Ghent (Klein Begijnhof).

This was a type of convent where the sisters were allowed to go out and also to leave after each year of service. I imagined the story of a woman who wants to rejoin the community and for some reason ‘cannot find it any more’.

Photographs: Christina Egan © 2018.

Burgberg

Burgberg

I.

Aus dem Nebel tauchen Mauern, scharlachumrankt –
ein Hauch auf der Haut, ein Traum gegen Morgen.

Der Burgberg, ein Eswareinmal,
das sich eine Auferstehung ertrotzt.

Deine Stimme, eine schwingende Brücke,
golden und lockend und unbetretbar.

Dein Gesicht, von den Jahren klarer geschnitzt,
das ich lesen will, lange, wie deine Stadt –

II.

Und wieder Laubhaufen, knöchelhoch, kniehoch,
Nebelschwaden, als wanderte man durch Wolken.

Dem ungreifbaren Weiß enttaucht ein Spitzbogen,
ein Tor: Es führt nirgendwohin.

Der neben einem geht, mit einem redet,
bleibt schemenhaft. Vielleicht ist er ein Traum.

Und wieder November. Dreißig Sommer
entblätterten sich in den Wind, in den Wind.

Christina Egan © 2001 (I) / 2017 (II)